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SABOTAGE: Warum wir uns zwischen Demokratie und Kapitalismus entscheiden müssen (German Edition)

SABOTAGE: Warum wir uns zwischen Demokratie und Kapitalismus entscheiden müssen (German Edition)

Titel: SABOTAGE: Warum wir uns zwischen Demokratie und Kapitalismus entscheiden müssen (German Edition)
Autoren: Jakob Augstein
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moralische Qualität, und ohne Moral werden wir zu Tieren.
    Jetzt fällt das plötzlich allen auf. Hätte sich einer vor Jahren auf den Marktplatz gestellt und gerufen: So geht es nicht weiter mit dem Kapitalismus, dann wären die Leute kopfschüttelnd weitergegangen oder der Staatsschutz wäre gekommen, je nachdem, wie laut das Rufen erklungen wäre. Und heute, wer würde heute einem solchen Redner widersprechen?
    Das ist ein Problem. Es widerspricht niemand mehr. Aber es ändert sich nichts.
    Heute schreibt die Links-Politikerin Sahra Wagenknecht ihre vielleicht klügsten Texte gegen das System in der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung«, die man früher konservativ nannte oder bürgerlich. Aber diese Worte haben ihre Bedeutung verloren, wenn der Feuilleton-Herausgeber Frank Schirrmacher wortmächtig beklagt, mit welch »gespenstischer Abgebrühtheit« die Kanzlerin der CDU das moralische Vakuum bürgerlicher Politik verwaltet, und wenn er von sich aus feststellt: »Ein Jahrzehnt enthemmter Finanzmarktökonomie entpuppt sich als das erfolgreichste Resozialisierungsprogramm linker Gesellschaftskritik.« 1
    Überhaupt, mit dem Wort Kapitalismus kann wieder gearbeitet werden, auch außerhalb der linken Nische. Plötzlich erinnern sich alle, dass schon Marx gelehrt hat, die Geschichte des Kapitalismus sei die Geschichte seiner Krisen. Man holt die blauen Bände aus dem Schrank, die man damals bei Besuchen in Ostberlin für das behördlicherseits aufgenötigte DDR-Geld gekauft hat, und schlägt noch mal nach: »Die widerspruchsvolle Bewegung der kapitalistischen Gesellschaft macht sich dem praktischen Bourgeois am schlagendsten fühlbar in den Wechselfällen des periodischen Zyklus, den die moderne Industrie durchläuft, und deren Gipfelpunkt – die allgemeine Krise.« Steht so im »Kapital«. Daran muss man sich erst mal wieder gewöhnen. Das soziale Selbstverständnis des Westens ist durch die Finanzkrise, die in ihrer Ausprägung als Eurokrise noch nicht beendet ist, so schwer angeschlagen, wie sein technologisches es nach der Explosion im Kernkraftwerk Fukushima war: Wir erleben den Super-GAU des Systems, die lange vorausgesagte, aber vielleicht nicht ernsthaft erwartete Katastrophe, den moralischen Meltdown. Katastrophen werden übrigens meistens vorausgesagt – und überkommen uns dann doch unerwartet.
    Die Symptome sind unübersehbar: Bei den London riots gingen nur Scheiben zu Bruch. Die Finanzkriminellen an den Märkten zertrümmerten die Maßstäbe von Recht und Unrecht. Im Sommer 2012 mussten sich Topmanager von HSBC, der größten europäischen Bank, einem Ausschuss des US-Senats stellen, weil ihr Haus offenbar jahrelang mexikanisches Drogengeld gewaschen hatte. Die Bank legte vorsorglich 700 Millionen Dollar für Strafzahlungen zurück. Zur selben Zeit meldete sie einen Gewinn in Höhe von 12,7 Milliarden Dollar.
    Vor der Reise nach Washington ließ Stuart Gulliver, Chef der Bank, verlautbaren: »Wir werden uns entschuldigen, unsere Fehler einräumen, zu unseren Handlungen stehen und uns unmissverständlich dazu verpflichten, geradezurücken, was schiefgelaufen ist.« Die PR-Strategen der Bank folgten hier der Strategie, die CIA-Analyst Jack Ryan seinem Präsidenten im Tom-Clancy-Thriller »Das Kartell« empfohlen hatte: »Es ist sinnlos, eine Bombe zu entschärfen, die bereits explodiert ist.« Das ist die professionelle Technik zeitgenössischen Krisenmanagements: Leugnen, bis der Arzt kommt, war gestern. Es ist viel klüger, einzuräumen, was offensichtlich ist, um Entschuldigung zu bitten, Besserung zu geloben – und manch einer macht dann einfach weiter wie vorher.
    Das ist eine wasserdichte Strategie. Es gibt dagegen kein Mittel. Außer dem Beziehungsabbruch. Aber kann man die Beziehung zu Europas größter Bank abbrechen? Natürlich kann man das. Davon, unter anderem, handelt dieses Buch.
    Ein Bankier wie Gulliver entschuldigt sich tatsächlich selbst. Er entledigt sich jeder Schuld. Das kostet ihn nichts – oder eben nur 700 Millionen Dollar. Er legt mit dem Bekenntnis seiner Fehler auch die Fehler ab. Und weg sind sie. Die Verantwortung dafür muss er im Gegenzug nicht tragen. Schuld und Verantwortung sind nur zwei Begriffe von vielen, die nicht mehr meinen, was sie bedeuten. Wer einmal diesen Schritt getan hat, wer sich der Bedeutung der Begriffe entledigt hat, der hat sich von der Last befreit, verantwortungsvoll mit ihnen umzugehen. Die Lügen fallen dann leichter. Weil sie als Lügen gar

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