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SABOTAGE: Warum wir uns zwischen Demokratie und Kapitalismus entscheiden müssen (German Edition)

SABOTAGE: Warum wir uns zwischen Demokratie und Kapitalismus entscheiden müssen (German Edition)

Titel: SABOTAGE: Warum wir uns zwischen Demokratie und Kapitalismus entscheiden müssen (German Edition)
Autoren: Jakob Augstein
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01 PROLOG
    Die Herstellung eines Farbbeutels ist keine einfache Sache. Es gibt kleine Luftballons, die man unter den Wasserhahn klemmen kann. Prall gefüllt lassen sie sich gut werfen. So eine Wasserbombe ist glatt und kühl und liegt gut in der Hand. Sie wiegt vielleicht 150 Gramm und fliegt bei gesunder Schultermuskulatur etwa 30 Meter weit. Aber wie bekommt man die Farbe da hinein?
    Das ist ein Problem. Es geht ja darum, den Ballon derart prall mit Farbe zu befüllen, dass er beim Zusammentreffen mit seinem Ziel auch tatsächlich zerplatzt. Soll man die Farbe direkt in den Ballon pressen, mit einer Spritze oder einer Pumpe? Oder ist es sogar besser, den Ballon zuerst aufzublasen und dann den Versuch zu unternehmen, in den bereits unter Druck stehenden Hohlraum die Farbe einzubringen?
    Man könnte auch ganz Abstand von der Idee des Farbbeutels nehmen und für die Farbe einen anderen Träger suchen. Eier vielleicht. Erst würde man sie ausblasen, wie man es vor dem Osterfest tut, um ihnen dann das Ausgeblasene mittels einer feinen, ins Innere eingeführten Kanüle durch Farbe zu ersetzen. Keine schlechte Idee, wäre da nicht die sprichwörtliche Empfindlichkeit von Eiern, die dem sorglosen Transport enge Grenzen setzt. Stabiler sind Glühbirnen. Ein verblüffender Einfall. Es ist ein bisschen aufwendig, aber es funktioniert: Am Gewinde lässt sich mit entsprechendem Werkzeug leicht ein kleines Loch in den Glaskörper bohren, durch das sich dann ganz einfach die Farbe spritzen lässt. Glühbirnen haben allerdings zwei entscheidende Nachteile: Sie splittern, und es wird sie bald nicht mehr geben. Die scharfkantigen Scherben zerborstener Birnen stellen eine nicht zu unterschätzende Gefahrenquelle dar. Hunde und Radfahrer könnten in Mitleidenschaft gezogen werden. Abgesehen davon werden die gläsernen Birnen über kurz oder lang aus unserem Alltag verschwinden, da ihr Verkauf in den Grenzen der Europäischen Union aus umweltpolitischen Gründen nur noch unter Beachtung strenger werdender Vorschriften möglich ist. Und Energiesparlampen eignen sich für das Befüllen mit Farbe gar nicht.
    Nein, es führt am bewährten Prinzip des Farbbeutels kein Weg vorbei. Und wenn man eine Weile experimentiert hat, starke Verschmutzung von Bad oder Küche eingeschlossen, gelangt man irgendwann zum Kern der Lösung: Das Geheimnis liegt im Mischungsverhältnis! Man muss einfach die Farbe in sehr konzentrierter Form in den Ballon bringen, träufeln oder spritzen, wie man mag. Dann den Ballon am Wasserhahn befüllen, verknoten, gut schütteln – fertig.
    Jetzt sind Sie bereit für die politische Auseinandersetzung.

02 EINLEITUNG
    »Von der Gestalt der künftigen Tragödie wissen wir nichts«, hat Botho Strauß geschrieben. Das gilt nicht mehr. Inzwischen können wir uns die Gestalt unserer Tragödie ausmalen: Wir haben es erlebt, im August 2011, als die Unruhen im Londoner Stadtteil Tottenham begannen und dann auf die Bezirke Enfield und Brixton übergriffen, auf Hackney, Croydon und Lewisham. Wir müssen nur bei Youtube nachsehen. Die Bilder der London riots sind der Vorfilm unserer Zukunft: Der malaiische Student Asyraf Haziq Rosli sitzt blutend am Boden, ein paar Jugendliche beugen sich über ihn, helfen ihm auf, öffnen langsam den Rucksack des Verletzten und räumen ihn aus. Sie lassen den jungen Mann, der sich nicht wehren kann, einfach da stehen. Das ist der menschliche Nullpunkt.
    Der britische Premier Cameron brauchte ein paar Tage, um die richtigen Worte zu finden. Dann sagte er: »Die sozialen Probleme, die sich seit Jahrzehnten entwickelt haben, sind vor unseren Augen explodiert«, und er sprach von der »kaputten Gesellschaft«. Das war ein Fortschritt. Gesellschaft – dieses Wort kommt einem britischen Konservativen nicht leicht von den Lippen. Für Margaret Thatcher war das der springende Punkt: »Während die Sozialisten von der Gesellschaft ausgehen und wie man sich in sie einfügt, nehmen wir den Menschen als Ausgangspunkt«, hatte die eiserne Premierministerin gesagt. Aber wenn die Gesellschaft kaputt ist, geht auch der Mensch kaputt. Das wollten die Ideologen des Neoliberalismus lange Zeit nicht wahrhaben. Die Neoliberalen haben die Idee des Liberalismus pervertiert. Aber wer den gesellschaftszersetzenden Terror entgrenzter Märkte mit Adam Smith begründen will, hat den Moralphilosophen nicht richtig gelesen. Liberalismus handelt von Freiheit, nicht von Verantwortungslosigkeit. Der Markt selbst hat keine

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