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Ruf des Blutes 5 - Erbin der Nacht (German Edition)

Ruf des Blutes 5 - Erbin der Nacht (German Edition)

Titel: Ruf des Blutes 5 - Erbin der Nacht (German Edition)
Autoren: Tanya Carpenter
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Prolog
     
    D as große Haus lag still da. Unheimlich und kalt wie ein Grab. Das Rauschen des Windes in den Bäumen draußen klang gespenstisch, ein Wimmern und Weinen von Seelen, die ruhelos um das Gemäuer strichen. Von den Lebenden, die es bewohnten, keine Spur.
    Dennoch war er auf der Hut. Er fühlte sich nicht wohl in seiner Haut. Rechnete bei jedem Schritt damit, einen unsichtbaren Alarm auszulösen oder gar von einem der Ordensmänner entdeckt zu werden. Doch nichts geschah.
    Das Domus Lumine der Lux Sangui galt unter PSI-Wesen als uneinnehmbar. Er fragte sich warum, denn bisher schien niemand auch nur bemerkt zu haben, dass ein Eindringling es in die heiligen Mauern geschafft hatte. Das sprach nicht gerade für einen PSI-Orden, der sich allen anderen ähnlich gesinnten Gruppierungen überlegen glaubte. Waren die etwa wirklich alle fort? Oder nur in anderen Sphären?
    Verwundert schüttelte er den Kopf. Wirklich beruhigen konnte die Tatsache, dass er nicht in unmittelbarer Gefahr schwebte, seine Nerven nicht. Mit seinem Vorhaben brach er uralte Regeln, die schon Bestand hatten, als es ihn noch nicht einmal gab. Mochten seine Ahnen ihm vergeben. Doch was zählten die Gesetze noch? Wo fast niemand mehr übrig war? Rechtfertigte nicht der Zweck die Mittel? Das Gefühl blieb, die eigenen Fähigkeiten zu missbrauchen, auch wenn er keinen anderen Weg sah, seine Pflicht zu erfüllen. Jemand musste diesem Treiben Einhalt gebieten. Im Untergrund rotteten sich Wesen zusammen, die jenseits der Vorstellungskraft eines Menschen existierten. Nur wenige Gruppen von Sterblichen, Orden wie dieser hier, besaßen Kenntnis davon. Die einen versuchten zu vermitteln, die anderen zu unterlaufen und einige auch zu töten. Die Lux Sangui gehörten zu Letzteren. Deshalb war er hier. Sie waren zu wenige. Ihre Angst lähmte sie, ließ sie ihr Potenzial nicht voll ausschöpfen, obwohl sie Möglichkeiten hatten. Darum wollte er diese Möglichkeiten nutzen. Auf jede Weise, die ihm nötig schien, sein Ziel zu erreichen.
    Er brauchte nur die Augen zu schließen und sah es deutlich vor sich. Ein Raum voll Waffen, die eine wie die andere dazu taugte, in den Krieg zu ziehen. Munition unterschiedlichster Art, perfekt darauf abgestimmt, gezielt die jeweilige Art, auf die man es absah, auszuschalten. All das wartete nur darauf, zum Einsatz zu kommen, wenn einer den Schneid hatte, sie einzusetzen. Er hatte ihn. Und er würde sich durch nichts davon abhalten lassen, auch nicht durch sein Gewissen oder seinen Schwur. Er schuldete niemandem etwas. Nicht einmal mehr seiner Familie, die längst ihre Aufgabe vergessen hatte. Ein Haufen verblichener, teils zu Staub zerfallener Knochen. Und der armselige Rest, der noch nicht zur Ruhe gegangen war, sorgte für noch mehr Unruhe und scherte sich keinen Deut um das Erbe. Steckte womöglich sogar mit dem Feind unter einer Decke, und verschaffte diesen Unwürdigen immer neue Möglichkeiten, sich zu verbreiten und an geheimen Treffpunkten Komplotte zu schmieden. Was war nur aus ihnen geworden?
    In Gedanken versunken setzte er einen unbedachten Schritt. Die Stufe knarrte und er verharrte in der Bewegung. Sekunden verstrichen so qualvoll langsam, dass er glaubte, den trägen Strom der Zeit in den Knochen zu spüren. Dann ging eine Tür im unteren Stock auf. Was jetzt? Er konnte seine Gabe nicht nutzen, das würde Aufsehen erregen. Er konnte nicht fortlaufen und sich verstecken, denn auch das bliebe nicht unbemerkt. Er sah einen Lichtschein am Ende des Ganges links von der Treppe. Wenn jetzt die Deckenbeleuchtung angeschaltet wurde, war er geliefert. Schlurfende Schritte näherten sich seinem Standort. Sollte er es wagen, die Treppe weiter hinaufzusteigen? Alle anderen Stufen hatten nicht geknarrt. Er überlegte fieberhaft, entschied sich dagegen. Das Risiko war zu groß. Wenn er Glück hatte, blieb das Licht aus, dann konnte ihn in seinem schwarzen Tarnanzug niemand entdecken, der nicht direkt an ihm vorbeiging.
    Die Schritte kamen näher, jetzt mussten sie in etwa auf Höhe der untersten Stufe sein. Würde der Bewohner dieses Hauses heraufkommen? Die Schritte stoppten. Eine Hand legte sich auf das Geländer. Die minimale Veränderung in der Holzstruktur pflanzte sich durch den Handlauf fort bis zu ihm. Ein erster Schritt auf die Treppe. Sein Körper war angespannt wie die Saite eines Bogens. Im Notfall würde er rennen. Am Ende des Ganges gab es ein Fenster. Der Sprung in die Tiefe war ein Leichtes für ihn. Warum

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