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Rotkäppchen und der böse Wolf

Rotkäppchen und der böse Wolf

Titel: Rotkäppchen und der böse Wolf
Autoren: Kira Maeda
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Es war einmal ein junges Mädchen, das lebte allein mit seiner Mutter in einem kleinen Haus. Das Mädchen wurde von allen geliebt, und weil seine Mutter ihm so einen schönen roten Mantel mit passendem Hütchen geschenkt hatte, nannte man sie nur Rotkäppchen.
     
    „Hallo, Oka-san!“ Akai Langfelds Ruf hallte durch den Hausflur. Sie streifte den dicken Wintermantel ab und hängte ihn auf den Haken. Obwohl auf ihre Begrüßung keine Antwort kam, wusste sie, dass ihre Mutter sie im Wohnzimmer erwarten würde. Meist hatte sie verschiedene japanische Süßigkeiten und passenden Tee auf dem Tisch stehen und wartete mit einem Lächeln auf ihre Tochter. Sie lebten nicht zusammen, hatten aber ihre Wohnungen im gleichen Haus und Akai, genannt Aki, besuchte ihre Mutter regelmäßig. Midori Langfeld war seit zehn Jahren Witwe. Sie war als junge Frau aus Japan der Liebe wegen nach Deutschland gezogen und in diesem Land geblieben, auch dann noch, nachdem ihr Mann an Krebs gestorben war.
    Kurz nach dem Tod ihres Vaters hatte Aki ihre Mutter näher zu sich geholt; sie war immerhin die einzige lebende Verwandte, die sie noch hatte – dachte Aki zumindest.
    Diesmal saß auf dem Sofa im Wohnzimmer nicht nur ihre Mutter, sondern auch eine fremde Frau. Sie hatte eine gewisse Ähnlichkeit mit der asiatischen Zerbrechlichkeit, die ihre Mutter immer zur Schau stellte. Das schwarze Haar fiel ihr in dichten Locken bis auf den Rücken und glänzte blauschwarz. Sie trug eine elegante Bluse und nickte Aki zu, als sie den Raum betrat.
    „Da bist du endlich!“ Midori hob die Hand und winkte Aki heran. „Komm her, du musst deine Tante kennenlernen.“
    Aki musste aufpassen, dass sie nicht zu ungläubig aussah. Ihre Mutter hatte niemals eine Schwester erwähnt, und ihrem Aussehen nach konnte sie niemals mit ihrem verstorbenen Vater verwandt sein. Dennoch verneigte sie sich höflich vor der fremden Frau. „Guten Tag, ich bin Akai Langfeld“, stellte sie sich vor. Die angebliche Tante hob die Augenbrauen. „Dein Name bedeutet ‚rot’? Wie ungewöhnlich“, sagte sie anstelle einer Begrüßung. Aki spürte, wie ihre Wangen zu glühen begannen. Diese alte Kindergeschichte war ihr bis heute peinlich, aber das hinderte ihre Mutter nicht daran, sie immer wieder zu erzählen. Diese Frage stellten ihr viele Japaner, die ihr in Deutschland begegneten. Midori lachte verlegen. „Ah, du warst ja nicht hier, als sie geboren wurde. Wir haben den Namen ausgesucht, weil Patricks Mutter ihr einen roten Strampelanzug mit Mützchen genäht hatte, die ihr die Krankenschwester dann sogleich anzog. Ein richtiges kleines Rotkäppchen!“, erklärte ihre Mutter.
    Akis Gesicht wurde noch röter. Ihre Tante bemerkte das und fasste ihre Hand. „Dich nennen bestimmt alle Aki, nicht wahr?“
    Aki nickte und ließ sich auf die Aufforderung ihrer Tante hin neben ihr auf dem Sofa nieder. „Mein Name ist Miza Yamashida“, fuhr sie fort. „Ich bin die ältere Schwester deiner Mutter.“
    Aki hob den Kopf. Miza sah nicht älter aus als ihre Mutter, im Gegenteil. Sie hätte eher gedacht, dass Midori die jüngere der beiden Schwestern war.
    „Onee-san ist erst seit einigen Tagen in Deutschland, weil sie hier eine neue Stelle angetreten hat“, erklärte Akis Mutter. „Ich wusste auch nicht, dass sie kommt, aber ihre Stelle ist tatsächlich nur wenige Straßen von hier entfernt.“
    „Was machst du denn genau, Tante Miza?“, fragte Aki und bemerkte das verärgerte Stirnrunzeln ihrer Mutter. Ihre Tante allerdings auch. Sie zog die Mundwinkel hoch, aber es hatte nicht viel von einem Lächeln. „Das erkläre ich dir besser ein andermal“, sagte sie mit bitterem Unterton und warf Midori einen strengen Blick zu, dem die nicht standhielt.
    Aki war verwundert. Mizas Job schien ihrer Mutter ganz und gar nicht zu gefallen. Hing ihr Schweigen über ihre ältere Schwester damit zusammen? Zumindest die freundliche Atmosphäre im Zimmer war merklich gesunken, und Midori saß mit fest zusammengepressten Lippen auf dem Sofa, nicht gewillt, etwas zu sagen.
    Miza nahm eine schmale Handtasche hervor und stand auf. „Ich melde mich noch einmal bei dir“, verabschiedete sie sich von ihrer Schwester und nickte Aki zu. „Begleite mich doch noch hinaus.“
    Midori schien protestieren zu wollen, aber Aki kam ihr zuvor, in dem sie aufstand und rasch in Richtung des Flures lief. Ihre Neugier auf die Schwester ihrer Mutter war geweckt, und sie wollte mehr erfahren. Miza folgte ihr und

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