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Rosenschmerz (German Edition)

Rosenschmerz (German Edition)

Titel: Rosenschmerz (German Edition)
Autoren: Hannsdieter Loy
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PROLOG
    Der Tag, an dem die Frau sterben sollte, hatte zeitig
begonnen.
    Magda war bei Dunst und Niesel um fünf Uhr in der Früh aufgestanden.
Draußen verwandelte der dünne Regen die Schneedecke in glitschig-eisigen
Matsch. Die Frau warf einen kurzen Blick ins Kinderzimmer, wo ihre
vierzehnjährige Tochter noch fest schlief. Sie ging in die Küche und klickte
auf Bayern 1.
»I liab di, Aal-pähn-ro-osn«, sang Niki Kirchbichler, der bekannte
Volksmusiksänger. Sie schob die Lippen vor, als ob sie schmollte, und summte
die Melodie mit. Nur jetzt, in der Früh, mochte sie solche Schnulzen hören,
später nicht mehr. Plötzliche Windböen ließen das Fenster erzittern. Sie warf
die Kaffeemaschine an. Frühstücken würden sie erst nach der Stallarbeit.
Draußen war es stockfinster. Als die Frau aus der Haustür trat, hörte sie ein
verschlafen-sehnsüchtiges Blöken aus dem Stall. Ihr Gesicht blieb halb im
Schatten. Der kalte, nasse Wind zerrte an ihren Kleidern. Sie zupfte an der Schürze
herum und strich das Kopftuch glatt.
    Der Bauernhof stammte aus einer anderen Zeit. Er war ein Haus wie
eine Burg, erbaut aus dem Gestein der Gegend, verwittert über die Jahre durch
Wind, Sonne, Regen und Schnee zu einer undefinierbaren Farbe zwischen Mausgrau
und Maisgelb. Tief drunten lag er in einer Mulde, verschneite Wiesen zu seinen
Füßen und den dunklen Bergwald im Rücken. Aus dem Kamin des Hauptgebäudes stieg
Rauch in den Nachthimmel. Ein schnell fließender, eisiger Bach mäanderte ein
paar Meter talabwärts vorbei.
    Magda hörte sein Plätschern, als sie das Foto, das sie ständig mit
sich herumtrug, aus der Schürzentasche zog. Ihre Tochter. Liebevoll strich sie
über das Bild. Es zeigte ihr Madl, das da oben schlief, als Schulanfängerin mit
einer riesigen Tüte im Arm und war schon recht vergilbt. Die Einschulung war
nach der Geburt des Kinds der schönste Tag in ihrem Leben am Hof gewesen. Ihr
Mann, der Bauer, hatte keine Zeit gehabt. Zwei dünne Tropfen machten sich auf
den Weg vom Handgelenk zu den Fingerspitzen. Rasch steckte die Frau das Foto
wieder ein.
    Magda war einmal eine begehrte Dorfschönheit gewesen. Groß,
hellbraunes Haar, die Figur proportioniert wie eine Sanduhr. In den Jahren
ihrer Ehe hatte ihre Erscheinung an Strahlkraft verloren. Das Haar war von
grauen Strähnen durchzogen, tiefe Falten pressten ihre Wangen nach unten, sie
wog achtzig Kilo. In ein paar Jahren würde sie ihren fünfzigsten Geburtstag
feiern.
    Magda machte einen langen Schritt zum Stall hin. Aus dem Augenwinkel
sah sie ein gleißendes Licht aufblitzen.
    »Aaaaahhh!«, schrie sie auf.
    Der Futtermischwagen raste aus dem Dunkel mit aufgeblendeten
Scheinwerfern von rechts heran. Auf dem Fahrersitz hinter der spiegelnden
Scheibe sah sie ihren Mann toben. »Pass doch auf, du blöde Kuh«, las sie von
seinen Lippen. Das Lippenlesen hatte sie gelernt in der Zeit mit ihm. Manchmal
sprach er den ganzen Tag kein Wort, und sie war froh über jede gehauchte Silbe.
    Eilig verschwand sie im Stall, um mit zitternden Händen den Kühen
die Melkschläuche anzulegen und den Kälbern über den Kopf zu streichen. Sie
mochte den warmen Geruch ihrer Leiber.
    Als ob nichts gewesen wäre, räumte ihr Mann den Mist weg und schob
den Tieren das Futter hin. »Diese verdammte Berufsschule sollte man in die Luft
sprengen«, rief er ihr zu. »Dauernd sind die Lehrlinge weg.«
    Am Mittag bereitete sie das Essen für ihn, sich und das Madl zu. Es
gab Fleischpflanzl mit Kartoffelgurkensalat, zum Nachtisch Obstsalat mit Sahne.
Danach einen Kaffee für ihn. Es war Samstag, der 11. Dezember 1993.
    Der Milliwagen kam und holte die Milch.
    Die Frau hatte noch sieben Stunden zu leben.
    Ihr Mann verbrachte den Nachmittag mit Holzmachen im Freien und
Maschinenpflegen im Werkstattraum. Sie reinigte die Melkmaschine, bezog mit dem
Madl die Betten in den Ferienwohnungen und wischte und säuberte. Danach
wechselten sie in den Vasen den künstlichen Almrausch gegen Kunststoffedelweiß
und Plastikenzian aus.
    Von vier bis halb sechs wieder Stallarbeit. Die Frau ging ins Haus,
stellte sich kurz unter die Dusche und begab sich in die Küche. Um halb sieben
erwartete der Mann das Abendessen. Das Madl bezog solange die Betten in der
Ostwohnung über dem Bulldogschuppen, stülpte die Bordüren über die
Stofflampenschirme und zog die Fensterläden zu. Dann schloss sie den PC an. Die Gäste, die morgen kamen, hatten danach
verlangt.
    »Kannst mir vielleicht helfen?«, brüllte

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