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Rosen, Tulpen, Nelken, alle Blumen welken

Rosen, Tulpen, Nelken, alle Blumen welken

Titel: Rosen, Tulpen, Nelken, alle Blumen welken
Autoren: Deborah Ellis
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Kapitel 1
    Willkommen im Roach House. Roach wie Kakerlake.
    Richtig heißt der Laden ja Coach House. Coach wie Kutsche. Aber so nennt ihn keiner, zumindest keiner von hier. Du kommst anscheinend nicht von hier, was? Von den Einheimischen würde nämlich keiner auf die Idee kommen, in diesem Saftladen was zu essen.
    Aber es ist ja mitten in der Nacht und wir liegen halt günstig, so direkt am Highway. Na ja, in der Not frisst der Teufel ja Fliegen.
    Setz dich einfach irgendwohin. Freie Platzwahl heute.
    Kaffee? Kommt sofort. Schmeckt zwar wie Wischwasser, ist aber wenigstens heiß und hält wach. Nimm dir ruhig Zeit zum Trinken. Wenn’s sein muss, die ganze Nacht.
    Stück Kuchen dazu? Der Kuchen ist okay. Kommt vom Bäcker hier im Dorf. Rhabarber schmeckt am besten. Ich kann dir ein Stück holen …
    Okay … wieso glotzt du mich eigentlich so an?
    Klar, ich krieg das doch mit. Du starrst mich die ganze Zeit an und überlegst: Wo hab ich das Gesicht bloß schon mal gesehen?
    â€¦ Und jetzt ist es dir eingefallen. Vielleicht hast du es auch schon von Anfang an gewusst.
    Jep. Genau die bin ich.
    Mein Gesicht war auf sämtlichen Titelseiten und im Fernsehen. Vom Internet gar nicht zu reden. Das hört nie auf, auch nach so langer Zeit nicht.
    Dabei war das total unfair. Sie hätten mein Leben nicht so durch den Dreck ziehen dürfen. Schließlich war ich ja nicht mal dabei, als es passiert ist.
    Aber ich war halt die beste Freundin. Ruhm aus zweiter Hand sozusagen. Um berühmt zu werden, muss man gar nichts Aufregendes machen. Es reicht völlig aus, wenn man jemanden kennt, der irgendwie berühmt ist.
    Parasitärer Ruhm.
    Der Vergleich mit den Parasiten würde Casey gefallen. Bei den Insekten gibt es nämlich eine Menge Parasiten und sie kennt die alle. Komplett mit lateinischen Namen und so. Ich hieß Libelle und sie Gottesanbeterin.
    Hast du gewusst, dass weibliche Gottesanbeterinnen bei der Paarung dem Männchen den Kopf abbeißen? Das war unser Zeichen. Man formt mit Daumen und Zeigefinger einen Kiefer und lässt ihn schnell zuschnappen. Genau so – zack! Das bedeutet: »Der Typ nervt und sollte den Kopf abgebissen kriegen.«
    Aber das weißt du wahrscheinlich alles schon aus der Zeitung.
    Wir waren noch ziemlich klein, als wir uns das ausgedacht haben. Also deute da bloß nicht zu viel rein – was ihren Charakter angeht, meine ich. Sie ist nämlich kein bisschen gewalttätig. Wahrscheinlich nennt sie sich auch gar nicht mehr so. Hat sie halt früher gemacht. War nur ein Spitzname. Einfach so, aus Spaß. Aber dann stand das plötzlich überall. Jeder konnte es lesen. Und jetzt kommt es mir vor, als ob meine eigene Kindheit nicht mehr mir gehört.
    Vermutlich hast du eh schon eine Menge gehört. Aber es gibt noch einiges, von dem du keine Ahnung hast.
    Mach’s dir ruhig gemütlich. Lehn dich zurück und trink deinen Kaffee.
    Ich hab nämlich auf einmal ziemlichen Redebedarf.

Kapitel 2
    Meine beste Freundin Casey wurde wegen Mordverdacht verhaftet, direkt nach dem Gottesdienst.
    Die gesamte Gemeinde war dabei.
    Alle strömten gerade aus der Kirche. Nach drei Tagen Regenwetter schien endlich mal wieder die Sonne. Der Fußweg dampfte richtig. Der Park auf der anderen Straßenseite sah sattgrün aus, eher wie im späten Frühjahr als am letzten Wochenende im August.
    Wir standen in Grüppchen zusammen und die Stimmung war deutlich gedrückter als sonst. Kathy Glass, Stephanies Mutter, war gekommen, obwohl keiner sie zum Gottesdienst erwartet hatte. Schließlich war Stephanies Leiche gerade erst gefunden worden. Niemand traute sich in ihrer Gegenwart zu lachen oder auch nur zu lächeln.
    Ich stand mit meinen Eltern und einem der Diakone auf dem Fußweg, sie haben über Kirchenangelegenheiten geredet. Purer Zufall, dass ich überhaupt dabei war. Denn nach sechs Wochen als Betreuerin im Kindercamp Ten Willows hatte ich eigentlich erst mal genug von Gott. Dort gab es jeden Sonntag Gottesdienst im Freien. Und wir haben immer das Danklied von Johnny Appleseed gesungen, vor dem Essen, bei der Morgenandacht, bei den Bibelarbeiten und so weiter.
    Kennst du das Lied? Ich kann’s dir mal kurz vorsingen.
    Oh, the Lord is good to me,
    And so I thank the Lord,
    For giving me the things I need:
    The sun and the rain and the apple seed.
    The Lord is good to me.
    Meistens haben wir statt »rain« aber

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