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Rhosmari - Retterin der Feen

Rhosmari - Retterin der Feen

Titel: Rhosmari - Retterin der Feen
Autoren: Carl Hanser Verlag
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PROLOG

    »Feen der Eiche«, rief Rob, »wir befinden uns im Krieg.«
    Erregt ging der junge Rebellenführer auf dem Podium hin und her und das Fackellicht funkelte in seinen schwarzen Augen und entflammte seine fuchsroten Haare. Über ihm wölbte sich die hohe Decke der Halle der Königin zwischen den Wurzeln der Eiche, unter und vor ihm drängten sich die Feen.
    An die zweihundert Anhänger Robs standen, lehnten oder saßen im hinteren Teil der Halle. Sie sahen in ihren modernen Kleidern fast aus wie Menschen. Davor standen aufrecht, aber deutlich weniger zahlreich die Kinder des Rhys – Garan und seine Männer von den magischen Grünen Inseln in Wales. Sie erinnerten an Statisten eines Robin-Hood-Films. Ganz vorne aber standen rund vierzig weibliche Feen in einfachen, selbst genähten Kleidern, wie sie seit der Zeit Jane Austens nicht mehr getragen wurden. Zu dieser letzten Gruppe sprach Rob und die Eichenfeen hörten ihm konzentriert zu, wie ihre angespannte Haltung und das leichte Zittern ihrer Flügel verrieten. Im Schatten der Wand lehnte Timothy Sinclair, der einzige anwesende Mensch, und staunte. Er hatte nicht erwartet, dass die Eichenfeen nach zweihundert Jahren der Abgeschiedenheit so empfänglich für die Worte eines Fremden sein würden. Sie hatten Rob von Anfang an mit der größten Aufmerksamkeit gelauscht.
    »Vor etwa hundertundfünfzig Jahren kam in der Welt außerhalb dieser Eiche eine Fee an die Macht, die sich die Kaiserin nennt«, fuhr Rob fort. »Mithilfe von List und schwarzer Magie brachte sie unsere Vorfahren dazu, ihr einen Tropfen ihres Blutes zu geben. Indem sie von diesem Blut kostete, erfuhr sie ihre wahren Namen … und zwang dadurch sie und ihre Kinder und Kindeskinder, für alle Zeiten ihren Befehlen zu gehorchen.«
    Timothy beobachtete gespannt, wie die Feen auf diese Worte reagierten. Die Rebellen, die Rob aus London hierher gefolgt waren, verzogen keine Miene. Schließlich waren sie unter der Herrschaft der Kaiserin aufgewachsen. Die Gesichter Garans und der anderen Kinder des Rhys verrieten tiefes Mitgefühl. Nur die Eichenfeen, die diese Geschichte noch nicht kannten, hatten erschrocken die Augen aufgerissen und zitterten vor Furcht.
    »Die Kaiserin will über alle Feen Großbritanniens herrschen«, sagte Rob. »Die Feen sollen nur noch tun dürfen, was sie selbst für richtig hält. Als sie von der Existenz der Eiche erfuhr und von den Eichenfeen, die ihr noch nicht untertan waren, gelobte sie deshalb, dass sie euch entweder unterwerfen würde oder aber – vernichten.«
    Rob hatte den Sachverhalt ein wenig vereinfacht, aber Timothy verstand, warum. Wenn Rob genauer erklärt hätte, woher die Kaiserin stammte und wie sie mit der Eiche zusammenhing, hätten die Eichenfeen nur noch mehr Angst gehabt. Und wenn sie gewusst hätten, dass die Kaiserin vor allem den freundschaftlichen Umgang der Feen mit den Menschen unterbinden wollte, wären einige von ihnen womöglich sogar in Versuchung geraten, ihre Partei zu ergreifen. Denn es gab immer noch zahlreiche Eichenfeen, die die Menschen überhaupt nicht mochten.
    »Doch ihr seid nicht allein«, fuhr Rob fort. »Ähnlich wie eure neuen Verbündeten von den Grünen Inseln, die so viel geopfert haben, um bei euch sein und euch in eurem Kampf beizustehen« – er wies mit einem Nicken auf Garan und seine Leute –, »glauben auch wir Rebellen an das Recht der Eichenwelt auf Freiheit und sind bereit, euch auf alle erdenkliche Weise zu helfen.« Er straffte energisch die Schultern. »Wir mögen Fremde für euch sein, stehen aber trotzdem entschlossen auf eurer Seite. Jeder von uns ist bereit, bis zum letzten Blutstropfen darum zu kämpfen, dass die Eiche frei bleibt.«
    Schweigen folgte auf seine Worte und Timothy musste der Versuchung widerstehen zu klatschen. Neben ihm stand Linde, ein braunhaariges Mädchen, das seine beste Freundin unter den Eichenfeen war, und sah Rob mit glänzenden Augen und vor Bewunderung halb offenen Lippen an. Sogar Dorna, eine stämmige Fee mit einer barschen Art wie keine andere Fee, die Timothy kannte, schien wider Willen beeindruckt. Hatte Rob die Eichenfeen für sich gewinnen können? Timothy hoffte es, wusste aber, dass noch nichts entschieden war.
    »Du hast leicht reden«, meldete sich eine scharfe Stimme, und die in der ersten Reihe stehenden Feen machten Platz und ließen Malve durch, eine breitschultrige Fee mit einem herben Gesicht, die Küchenchefin der Eiche war und immer wieder Unfrieden stiftete.

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