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Raven - Schattenreiter (6 Romane)

Raven - Schattenreiter (6 Romane)

Titel: Raven - Schattenreiter (6 Romane)
Autoren: Wolfgang Hohlbein
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    S eine Hand zitterte, als er den Hörer auf die Gabel zurücklegte. Für einen winzigen Moment trat ein halb besorgter, halb ängstlicher Ausdruck in seine Augen, aber dann hatte er sich wieder in der Gewalt. Sein Gesicht nahm erneut den gewohnten freundlich-nichtssagenden Ausdruck an. Schließlich war er nicht irgendwer. Ein Mann in seiner Position musste sich im Griff haben, immer und überall.
    Aber Pauls Stimme hatte vor Angst gezittert, und die wenigen kaum verständlichen Worte, die er atemlos hervorgestoßen hatte, waren nicht gerade dazu angetan gewesen, Jeffreys Unruhe zu mildern.
    Er schob das Telefon von sich, klappte die Unterschriftenmappe demonstrativ zu und stand auf.
    Seine Sekretärin sah ihn überrascht an. »Sie wollen noch einmal fort, Mr. Candley?« Die Spitze ihres Bleistifts verharrte über dem angefangenen Diktat, und in ihrem Gesicht lag ein fast vorwurfsvoller Ausdruck.
    Jeffrey lächelte flüchtig. Jane war ein tüchtiges Mädchen - nicht nur als Sekretärin. Aber es gab Dinge, mit denen er allein fertig werden musste. »Ja. Der Anruf soeben ...«
    »Aber Sie haben um acht einen Termin mit Mr. Cloud«, erinnerte Jane. »Sie wissen doch, wie er sich immer aufregt, wenn man ihn warten lässt.«
    Jeffrey seufzte ergeben. »Ich weiß, Liebes. Aber ich werde versuchen, rechtzeitig zurück zu sein. Wenn nicht, versuchen Sie ihn so lange zu unterhalten. Ihnen wird schon etwas einfallen.«
    Er lächelte aufmunternd, griff nach seinem Jackett und verließ das Büro, bevor Jane Gelegenheit zu weiteren Einwürfen hatte. Es war unmöglich, in einer halben Stunde zu Pauls Wohnung hinauszufahren, ihn zu beruhigen und dann auch noch rechtzeitig wieder hier zu sein. Cloud würde schäumen, aber das musste er eben in Kauf nehmen.
    Paul war in den letzten Tagen zunehmend nervöser geworden, und Jeffrey fürchtete ernsthaft, dass er durchdrehen würde. Und bevor er das zuließ, riskierte er lieber einen Anpfiff von Cloud.
    Wenn alles gut ging, konnten ihm in vier Tagen alle Clouds der Welt ohnehin egal sein.
    Aber dazu gehörte auch, dass Paul die Nerven behielt.
    Jeffrey trat in die Liftkabine und drückte den Knopf fürs Erdgeschoss. Ungeduldig wartete er, bis sich die Türen schlossen und die Kabine mit leichtem Rucken losfuhr. Sein Büro lag in der sechsundzwanzigsten Etage des Gebäudes, nur noch ein Stockwerk unter der Chefetage.
    Normalerweise genoss er jede einzelne Sekunde der Fahrt hinauf oder hinunter. Für ihn war diese kleine, schmucklose Kabine zu einem Symbol all dessen geworden, was er sich je erträumt hatte: Macht, Erfolg, Geld. Es gab nicht sehr viele Leute in diesem Haus, die mit gutem Gewissen in die Kabine treten und den sechsundzwanzigsten Knopf drücken konnten. Aber er gehörte dazu. Obwohl er kaum dreißig und erst vor knapp zwei Jahren in den Betrieb eingestiegen war.
    Es gab eine Menge Leute, die ihm diesen Erfolg übel nahmen, aber das war ihm egal. Im Gegenteil - in spätestens noch einmal zwei Jahren würde er auf den obersten Knopf der Liftkabine drücken.
    Aber auch nur dann, wenn er Paul beruhigen konnte.
    Jeffrey fluchte lautlos über die Langsamkeit, mit der die Kabine in die Tiefe glitt. Die Panik in Pauls Stimme war ihm nicht entgangen. Er wusste, wie angegriffen die Nerven seines Partners waren. Es hatte ihn bereits das letzte Mal seine gesamte Überredungskunst gekostet, Paul von irgendwelchen Dummheiten abzuhalten.
    Der Lift hielt endlich an. Jeffrey drängte zwischen den aufgleitenden Türhälften hindurch und stürmte mit weit ausgreifenden Schritten durch die Halle, ohne sich um die verwunderten Blicke zu kümmern, die ihn trafen.
    Die drei für Taxen reservierten Parkbuchten vor dem Haus waren verwaist, wie immer, wenn man wirklich einmal einen Wagen brauchte.
    Jeffrey blieb stehen und sah sich einen Moment lang ratlos um. Der abendliche Berufsverkehr war erwacht. Auf der breiten, vierspurigen Straße bewegte sich ein glitzernder, lärmender Strom von Autos; Scheinwerfer rissen farbige Lichtreflexe aus der Dunkelheit, und irgendwo versuchte eine blinkende Ampel scheinbar vergeblich, so etwas wie Ordnung in das Chaos zu bringen.
    Jeffrey zuckte ärgerlich mit den Schultern und wandte sich nach rechts. Zwei Querstraßen weiter war eine Bushaltestelle. Er konnte genauso gut auf dem Weg dorthin versuchen, ein Taxi anzuhalten.
    Das Bürogebäude lag mitten in der City von London. Jeffrey kam an Dutzenden von hell erleuchteten Schaufenstern vorbei, die jetzt, in der

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