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Rabenschwarz

Rabenschwarz

Titel: Rabenschwarz
Autoren: Ralf Kramp
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1951
    (In Schwarz und Weiß und beunruhigenden Graunuancen. Farblos-freudlos. Schattenfinster)
    Es war ein unaufhörliches Hecheln, Schnaufen und Rascheln, wenn sich die beiden düsteren Gestalten ihren Weg durch das hohe Gestrüpp entlang des Ackerrains bahnten. Sie schienen immer und überall gleichzeitig zu sein. Nie war man sicher, ob die beiden riesenhaften Schatten nicht im nächsten Augenblick aus dem Dickicht herauswachsen und erbarmungslos zuschlagen würden. Man fürchtete sie schon als Kind, und selbst als Erwachsener musste man auf der Hut sein, verhieß doch ihr Erscheinen stets skrupellose Behandlung und harte Bestrafung. Krechels Griff war hart und unbarmherzig. Gerade so, wie es die tiefen Furchen waren, die sich links und rechts seines verkniffenen, schmallippigen Mundes tief in sein Gesicht gegraben hatten. Furchen, vom rauen Wind über den Eifelhöhen so grob und kantig geschnitzt wie die Rinde der alten Bäume, die sich unten im Rothensief um den sumpfig nassen Wiesengrund der Sonne entgegenreckten.
    Wenn Krechelfränz erschien, hatte es fast den Anschein, als wählte er seinen Standort gerade so aus, dass sich jedes Licht, ganz gleich, ob es sich um fettes, gleißendes Sommerleuchten oder nur um das magere Zwielicht nahender Winterabende handelte, stets hinter seinem Rücken und dem struppigen Nacken seines stetigen Begleiters, eines riesenhaften, verkommenen Wolfshundes, ausbreitete. Das machte die beiden Spukgestalten noch düsterer, noch bedrohlicher. Das malte ihm Schatten ins Gesicht und ließ die Angst der erwischten Missetäter wachsen – und ihre Verzweiflung.
    Seine Augen lagen tief begraben in einem undurchdringlichen Gewirr harter, schnörkelloser Falten, überschattet von einem Paar buschiger Augenbrauen, grau und störrisch wie das Haar, das dicht und ungepflegt unter seinem breitkrempigen Hut hervorwuchs. Krechelfränz, der Feldschütz, den jeder mied und alle fürchteten, erschien, in der Einheit mit dem bösartigen Vieh an seiner Seite, jedem im Dorf wie eine nicht ganz reale Erscheinung, wie ein düsterer Schatten aus grauer Vorzeit, wie eine Sagenfigur, die normalerweise nur am heimischen Herdfeuer in abendlichen Erzählungen zu Furcht einflößendem Leben erwacht. Den Kindern, die man zur Vernunft bringen wollte, drohte man damit, dass der Feldschütz sie hole. Weder die Menschen aus dem Dorf, die stets in der Furcht lebten, von ihm bei einer noch so kleinen Untat in Feld und Wald erwischt zu werden, noch die Herrschaften in der Gemeinde, bei denen er in Brot und Lohn stand, suchten den Umgang mit dem Mann mit dem schmutzig grünen Lodenmantel und dem schwieligen Eichenknüppel.
    * * *
    Sein Hund wurde von ihm mit knapp bemessenem Futter verpflegt, doch ebenso wie das Vieh bei passender Gelegenheit nicht gezögert hätte, ihm die Kehle zu zerreißen, so würde auch er nicht mit der Wimper zucken, wenn es eines Tages daran ginge, dem widerlichen Untier mit einem kräftigen Schlag des schweren Knüppels den Schädel zu spalten.
    Man hatte alles verloren. Das Land war verwüstet, das Saatgut knapp, die Maschinen zerstört. Die Eifel war arm, immer schon ein bisschen ärmer als andere Landstriche gewesen. Doch jetzt, nach dem Krieg, der bis zuletzt in greifbarer Nähe am Westwall getobt hatte, war es um diese Landschaft noch ärger bestellt. Der Hunger nagte unbarmherzig an den Mägen der Einwohner Buchscheids, und allzu deutlich musste man jeden Tag aufs Neue erfahren, dass Gotteslob und Frömmigkeit allein nicht satt machten.
    So trieb es die Menschen in die Sünde. Besonders Mutige überquerten die neue Grenze nach Belgien. Zu Fuß. Bei Nacht. In kleinen Trupps und auf eigene Faust. Tagelang blieben sie fort. Oft genug kam es vor, dass sie nicht zurückkehrten. Statt Lebensmitteln und dem erträumten Stück Schokolade erhielt man nur Nachricht von der Verhaftung.
    Andere schlugen sich in die Wälder, bauten Fallen, jagten Kaninchen, schlichen sich angsterfüllt auf die Felder, gruben Kartoffeln aus, stahlen Kohlköpfe.
    Krechel fing sie. Er packte sie beim Nacken und zerrte sie an ihrem Kragen zu sich hinauf, sodass sie in Todesangst, nach Luft schnappend, um ihr Leben winselten. Niemand hatte den Mut zur Gegenwehr. Das tiefe, rollende Knurren des gemeinen Köters, der Schatten des hocherhobenen Knüppels, Krechels eiserne Umklammerung, all das machte sie wehrlos. Und Krechel sorgte gnadenlos dafür, dass jeden von ihnen die gerechte Strafe ereilte. Er war wie eine Maschine,

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