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Privatklinik

Privatklinik

Titel: Privatklinik
Autoren: Heinz G. Konsalik
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1
    Wie jeden Freitag, so standen sie auch jetzt vor dem eisernen Fabriktor und warteten. Sie hatten ihren festen Platz, drei Meter links von der gläsernen Pförtnerloge, schräg vor dem zur Seite gerollten Eisengitter. Von dort konnten sie die Fabrikstraße übersehen und die vielen hundert Menschen, die beim Schichtwechsel aus dem Tor drängten.
    Sie standen da wie immer, Hand in Hand, als müßten sie sich gegenseitig festhalten oder durch den Druck ihrer Hände Mut zu sprechen. Jeden Freitag, wenn der große Zeiger der elektrischen Uhr über der Pförtnerloge auf fünf rückte, stockte ihnen das Herz, und ihre kindlichen Gesichter wurden hart und viel älter als ihre schmächtigen Körper.
    Der Pförtner putzte sich die Nase und sah auf seine Kontrolluhr neben dem Schlüsselbrett. Neben ihm saß ein Mann der Werkswache und rauchte eine Pfeife. »Nette Kinder«, sagte er. »Holen ihren Vater von der Schicht ab. Ist heute selten, Karl.«
    Der Pförtner räusperte sich und blickte durch sein großes Glasfenster die Fabrikstraße hinunter. Gleich dröhnte die Hupe auf dem Hauptgelände. Dann öffneten sich wie von Zauberhand die Tore und Türen, und die Menschen quollen heraus, als koche ein Kessel über. Unter ihnen würde auch Peter Kaul sein, Elektriker in Halle vier. Ein stiller, unauffälliger grauer Mann, ein Massenmensch, an dem alles alltäglich war … sein Gesicht, seine Kleidung, sein Gang, seine Sprache, sein Geist, seine Arbeit, ein winziges Rädchen im Weltgetriebe, das niemand beachtete als seine nächste, mit ihm in Berührung kommende Umgebung.
    »Du kennst sie nicht?« fragte der Pförtner und steckte sein Taschentuch ein. Der Werkswachmann schüttelte den Kopf.
    »Wen?«
    »Die Kinder.«
    »Nee. War bis vorgestern doch am Tor fünf. Wieso? Ist was Besonderes mit denen?«
    »Sie gehören dem Peter Kaul. Kennste nicht, ich weiß. Wirst ihn aber gleich kennenlernen. Und wennste ihn gesehen hast, wirst du verstehen, warum ich ihnen ab und zu fünfzig Pfennig gebe. Dann laufen sie nebenan zum Metzger und holen sich ein Stück Blutwurst. Junge, und wenn ich sehe, wie sie die essen … wie'n Feiertag ist das! Ich könnte heulen!«
    Der Wachmann starrte durch die Scheibe auf die beiden Kinder, drei Meter seitlich vom großen eisernen Tor. Sie sahen auf die große Uhr. Der Zeiger rückte vor … noch fünf Minuten, dann hupte es. Dann kam der Vater, und dann begann es wieder, wie jeden Freitag. Sie drückten sich bei dem gemeinsamen Gedanken die Hände und lächelten sich an. Mut, Petra, dachte Heinz. Ich bin ja auch da. Mut, Heinz, dachte Petra, Mutti verläßt sich auf uns.
    »Wieso?« fragte der Wachmann. »Als Elektriker verdient der doch klotzig! Wo gibt's denn das noch? Hunger! Ist doch Blödsinn, Karl …«
    »Paß auf, dann verstehst es!«
    Über dem Hauptgebäude brummte die Hupe auf. Siebzehn Uhr. Schichtwechsel. Aus Halle eins, die am nächsten zum Tor lag, drängten die Arbeiter. Die stille Fabrikstraße war in wenigen Sekunden ein wallender, rauschender, zum Tor sich wälzender Strom von Köpfen und Leibern. Petra und Heinz rückten enger zusammen. Schmal und blaß, mit großen suchenden Augen in den merkwürdig alten Gesichtern, standen sie abseits des Menschenflusses und blickten die Fabrikstraße hinab.
    »Ob er wieder …?« fragte Petra leise.
    »Sicherlich.« Heinz nickte schwach.
    Der Pförtner stieß den Wachmann in die Seite und nickte mit dem Kopf zu den hinausdrängenden Arbeitern. »Aufpassen! Da ist er. Da – der mit dem grauen Anzug! Ja, der mit der Aktentasche unterm Arm. 'nen roten Schlips hat er um. Siehste ihn?«
    Der Wachmann beugte sich zum Fenster vor. Im Strom der anderen bemerkte er einen Mann, der hocherhobenen Hauptes, mit etwas stierem Blick, die Aktentasche schwenkend, eilig zum Tor strebte. Der Pförtner seufzte und schob die Mütze in den Nacken.
    »Ganz schön voll ist er wieder«, sagte er böse. Der Wachmann drehte sich verwundert um.
    »Wieso? Der geht doch kerzengerade!«
    »Wenn der wie 'ne Eins geht, ist er granatendicke! Guck dir den Blick an! So ist er immer … fast jeden Tag besoffen, aber Freitag, wenn's Löhnung gibt, dann haut er die Pfannen vom Dach!«
    »Und die Kinder …« Der Wachmann begriff. Er starrte zu den beiden kleinen Gestalten, die eng beieinander in der Brandung der Leiber standen.
    »Die Frau will es so.« Der Pförtner hob die Schultern. »Was will das arme Ding anders tun? Sie hofft, daß die Kinder den Alten wenigstens etwas bremsen

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