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PR NEO 0042 – Welt aus Seide

PR NEO 0042 – Welt aus Seide

Titel: PR NEO 0042 – Welt aus Seide
Autoren: Oliver Plaschka
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weißen, seidigen Film überzogen.
    Nicht überzogen, korrigierte er sich. Sie besteht daraus.
    Der Fürsorger wusste, dass es sich bei der Plattform, auf der er nun stand, und der schmalen Brücke, die sich von ihr bis zur zentralen Säule erstreckte, um stabile Bauseide handelte, die noch mit allen möglichen weiteren Werkstoffen verstärkt sein mochte – doch er traute der trebolanischen Architektur nicht. Er kannte zwar die Namen einiger Fertigungstechniken und die Eigenschaften der gängigsten Arten von Seide, doch er hatte nie gelernt, die feinen Nuancen in Struktur und Schattierung wahrzunehmen, die einem beispielsweise den Unterschied zwischen glatter, unbehandelter Sanftseide und der klebrigen, tückischen Haft- oder Fesselseide verriet.
    Die Trebolaner kannten in etwa so viele Worte für Seide wie andere Kulturen für Regen oder Schnee. Wahrscheinlich war alles eine Frage der Kultur. Trebola war eine helle und trockene Welt, in der Hauptstadt am Äquator regnete es fast nie – dafür hatten ihre Bewohner den Planeten die letzten Jahrhunderte so maßlos mit ihren natürlichen Werkstoffen überzogen, dass man in manchen Ballungsgebieten kaum noch etwas von der Oberfläche sah. Bald würde der ganze Planet in ein seidenes Gefängnis gehüllt sein wie eine Fliege in einem Netz.
    Die Brücke war gerade breit genug, dass je zwei Trebolaner ihrer Eskorte nebeneinander gehen konnten. Unterhalb des gewölbten, geländerlosen Wegs lag der Boden der Halle, der größtenteils von den geheimnisvollen Maschinen eingenommen wurde, die den Palast und seinen Herrscher am Leben erhielten. Die trebolanische Technik war der arkonidischen in fast jeder Hinsicht weit unterlegen – doch die fremdartigen Bewohner des zweiten Planeten dieses Systems waren sehr gut darin, ihren tatsächlichen technologischen Stand zu verschleiern. Und sie hielten sich immer eine Hintertür offen.
    Sie erreichten die zentrale Insel. Vor ihnen, in fast drei Meter Höhe, ruhte der Erzfürst auf seinem Thron. Selbst für einen Trebolaner war er von grotesker Dürre. Seine langen Beine waren starr und wirkten wie verknöchert, seine Augen glotzten noch teilnahmsloser als die der Wachen draußen vor dem Tor. Sein segmentierter Oberleib war in herrschaftlicher Pose aufgerichtet und in mehrere Lagen prunkvoller Gewand- und Schmuckseide gehüllt, die wie flüssiges Gold und Silber glänzten. Sein oberes Armpaar ruhte hoch erhoben auf zwei Stützen beiderseits des Throns. Zahllose dunkle Schläuche und Kabel ragten hinter ihm in die Höhe und verbanden den Erzfürsten mit den lebenserhaltenden Maschinen, die sich im Inneren der Säule und unter ihnen auf dem Hallenboden verbargen.
    Wenn es stimmte, was die Trebolaner sagten, war Vidaarm unfassbare achthundert Jahre alt. Quetain Oktor blieb nichts anderes übrig, als ihnen zu glauben. Trotz redlicher Bemühungen in den ersten Jahren seines Amts hatte er nie herausgefunden, wie alt seine Schutzbefohlenen wirklich wurden. Seine Erfahrung aber hatte ihn gelehrt, dass die Trebolaner die Kunst der blumigen Übertreibung liebten; für gewöhnlich genoss er solche Behauptungen daher mit Vorsicht.
    Mit seinem zweiten Armpaar hielt der Erzfürst das Zeichen seines Herrschaftsanspruchs: das Zepter Vidaarms. Dessen oberer Teil, der die Form eines Eis hatte, verschwand völlig in den straffen Seidengespinsten seines Gewands, seine Konturen aber zeichneten sich deutlich ab. Für die Trebolaner versinnbildlichte dies die Einheit ihres Herrschers mit dem Symbol seiner Macht und den Goldenen, jenen göttlichen Wesen, denen er diese Macht der Legende nach zu verdanken hatte – ebenso wie seine Langlebigkeit.
    Für Quetain Oktor sah es eher so aus, als wäre der greise Herrscher des Planeten mit seinem Thron und überhaupt der ganzen Halle verwachsen wie ein biomechanisches Hybridwesen. Er versuchte, sich seinen Ekel nicht anmerken zu lassen, und verneigte sich knapp.
    »Glänzender«, erhob er das Wort. »Günstling der Goldenen. Fürst unter Fürsten, Herrscher der Seidenwelt.« Dann zählte er seine Nebentitel auf, von denen Vidaarm in den letzten Jahrhunderten, in denen sein bescheidenes Fürstentum auf vierzehn mehr oder weniger wertlose Welten gewachsen war, eine Menge gesammelt hatte. Kaprisi soufflierte ihm lautlos über sein subkutanes Implantat, damit er keinen Fehltritt beging.
    »Ich danke Euch für die Gnade Eurer Audienz«, schloss er eine geschlagene Minute später und benutzte gewissenhaft die archaische

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