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Pommes rot-weiß

Pommes rot-weiß

Titel: Pommes rot-weiß
Autoren: Christoph Güsken
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1
     
     
     
    Es war ein unansehnlicher Freitagnachmittag, der einem die Vorfreude auf das Wochenende gründlich verdarb. Zwar war der Regen, den es laut Vorhersage reichlich geben sollte, ausgeblieben, aber nichts war an seine Stelle getreten. Es sah so aus, als sei das ganze Wetter ausgeblieben. Über dem tristen, endlosen Ackerland war kein Himmel, nur weißes, konturloses Nichts. Ohne Sonne, ohne Regen, ohne Wind. Es lohnte sich eigentlich nicht, aus dem Fenster zu schauen.
    Wenn nicht die schwarze Gestalt da draußen gewesen wäre, die sich wie ein Scherenschnitt vor dem weißen Nichts abhob. Ein großer Mann, locker über zwei Meter, in einem schwarzen Anzug, als sei er zu einer Beerdigung verabredet. Er stützte sich auf einen schwarzen Regenschirm und trug einen schwarzen Hut, der für eine Beerdigung eine Spur zu modisch war. Durch den Hut bekam sein Aussehen etwas Mafiosohaftes.
    Der Mann stand praktisch reglos am Rand des weitläufigen Grundstücks. Man musste schon eine Weile hinstarren, um mitzubekommen, wie er sein Gewicht von einem Bein auf das andere verlagerte.
    »Ich möchte, dass er da verschwindet«, verlangte Ina Martens. Sie trat neben mich ans Fenster und machte ein angewidertes Gesicht. »Sorgen Sie dafür.«
    Sie hatte eine Figur wie ein Tennisprofi und roch nach Duschgel. Zu frisch für diesen wetterlosen Tag.
    Guido Martens, ihr Mann, kam dazu und legte den Arm um ihre Hüfte.
    »Genau das bezweckt er doch«, belehrte er sie sanft, »dass du dich unwohl fühlst. Versuche, ihn zu ignorieren. Das Schlimmste für ihn ist Missachtung. Wenn es nach mir geht, kann er bis zum Jüngsten Tag da unten stehen.«
    Darüber wunderte ich mich. »Wozu brauchen Sie dann einen Detektiv?«
    Ich schätzte Martens auf Mitte fünfzig. Vielleicht hatte er, als er Mitte zwanzig gewesen war, das Haar lang getragen und gegen den Schah-Besuch demonstriert. Seitdem hatte er sich gut gehalten, auch beruflich, und er konnte es sich heute erlauben, nachsichtig zu sein. Er trug immer noch die Haarmähne als Zeichen, dass er sich treu geblieben war. Bei Frauen schien sie jedenfalls anzukommen, sonst hätte er sich nicht jemanden wie Ina leisten können, die mindestens zwanzig Jahre jünger war als er und den Schah für eine inzwischen ausgestorbene Vogelart halten musste.
    Der Blick, mit dem er sich mir zuwandte, ließ mich eine ebenso sanfte Antwort erwarten. Ich hoffte nur, dass er nicht den anderen Arm um meine Hüfte legte.
    »Nun, ganz einfach. Ich…«
    Die Zimmertür öffnete sich. Ein junger Mann trat ein, dessen Aussehen an den späten Elvis im Alter von zwanzig erinnerte, allerdings ohne Koteletten. Das weiße Jackett betonte seine rundliche Figur und ließ ihn fülliger aussehen, als er tatsächlich war. Wenigstens trug er keine Hosen mit Fransen. »Kim ist am Telefon«, sagte er mit einer hohen Stimme und musterte mich mit einem leicht strafenden Blick, als sei ich unerwünschter Zeuge einer intimen Angelegenheit der Familie. »Sie will wissen, ob du noch zum Tennis kommst.«
    Ina verließ wortlos den Raum.
    »Tilo, mein Sohn«, informierte mich Martens, ohne Elvis eines Blickes zu würdigen.
    Tilo schloss die Tür. Die Klinke hielt er weiterhin fest, als gäbe er sie ungern aus der Hand.
    »Was denn noch?«, wollte sein Vater wissen.
    Der Junge nahm die Hand von der Klinke und verschränkte die Arme zum Zeichen seiner Entschlossenheit. »Die Sache geht mich genauso an wie dich. Also, was willst du? Ich…«
    Martens streckte einen Arm gebieterisch aus und Tilo verstummte. Wären beide Arme ausgestreckt gewesen, dann hätte es eine einladende Geste sein können. So sah Martens aus wie Moses, der das rote Meer teilte.
    »Bitte, mach die Sache nicht komplizierter, als sie ist, ja? Wir reden später darüber.«
    Sein Sohn hielt stand und für einen Moment hätte ich geschworen, dass er sich einen Dreck um die Anweisung des Vaters scherte. Dann, plötzlich, sackten die verschränkten Arme nach unten, hingen schlaff herab wie leere Schläuche und hüpften ein letztes Mal auf und nieder, als Tilo die Schultern zuckte zum Zeichen der Kapitulation. Er verließ das Zimmer und knallte nicht einmal wütend die Tür hinter sich zu.
    Vergeblich versuchte ich mich in jemanden hineinzuversetzen, der die Aussicht genießen konnte. Das Fenster ging über die ganze Breite des Raumes und bot einen Panoramablick. Auf einer griechischen Insel hätte das Sinn gemacht, aber hier, wo nur Ackerland war, so weit das Auge reichte, war

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