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Plötzlich klopft es an der Tür: Stories (German Edition)

Plötzlich klopft es an der Tür: Stories (German Edition)

Titel: Plötzlich klopft es an der Tür: Stories (German Edition)
Autoren: Etgar Keret
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Plötzlich klopft es an der Tür
    »Erzähl mir eine Geschichte«, befiehlt der bärtige Mann, der bei mir im Wohnzimmer auf dem Sofa sitzt. Die Lage, ich gestehe es, ist nicht gerade erfreulich für mich. Ich schreibe schließlich Geschichten, ich erzähle sie nicht. Und auch das mache ich nicht auf Bestellung. Der letzte Mensch, der mich gebeten hat, ihm eine Geschichte zu erzählen, war mein Sohn. Das war vor einem Jahr. Ich habe ihm etwas von einer Fee und einer Wühlmaus erzählt, ich weiß nicht mal mehr, was, und nach zwei Minuten ist er eingeschlafen. Doch hier ist die Lage wesentlich anders geartet. Denn mein Sohn hat keinen Bart. Und keine Pistole. Denn mein Sohn hat um die Geschichte hübsch gebeten, während dieser Mann einfach versucht, sie mir zu rauben.
    Ich versuche dem Bärtigen zu erklären, dass es sich, wenn er die Pistole in die Tasche zurücksteckte, nur zu seinen Gunsten auswirken würde. Zu unseren Gunsten. Es ist schwierig, eine Geschichte zu erfinden, wenn dir die Mündung einer geladenen Pistole auf den Kopf zielt. Aber der Kerl bleibt stur. In diesem Staat, erklärt er, musst du, wenn du was willst, es mit Gewalt einfordern. Er ist ein Neueinwanderer aus Schweden. In Schweden ist das völlig anders. Dort bittet man, wenn man was will, höflich darum, und meistens kriegt man es auch. Aber in dieser dampfenden und erstickenden Levante ist das nicht so. Eine Woche hier reicht dir aus, um zu verstehen, wie es funktioniert. Oder richtiger gesagt, um zu kapieren, wie es nicht funktioniert. Die Palästinenser haben hübsch um einen Staat gebeten. Haben sie was gekriegt? Einen Scheißdreck haben sie gekriegt. Haben sie sich darauf verlegt, Kinder in Bussen in die Luft zu jagen, und plötzlich fing man an, ihnen zuzuhören. Die Siedler wollten, dass man den Dialog mit ihnen aufnimmt. Hat man? Einen feuchten Dreck hat man. Haben sie rumgeprügelt, ein bisschen kochendes Öl auf Grenzwächter gekippt, und auf einmal hat man angefangen, ihnen entgegenzukommen. Dieser Staat ist ein Staat, der nur Gewalt versteht, egal, ob von Politik, Wirtschaft oder einem Parkplatz die Rede ist. Bloß Gewalt verstehen wir hier.
    Schweden, von wo aus der Bärtige die Einwanderung nach Israel gemacht hat, ist ein fortschrittlicher Ort, erfolgreich auf nicht gerade wenigen Gebieten. Schweden ist nicht bloß Abba und Ikea und Nobelpreis. Schweden, das ist eine volle Welt, und alles, was sie erreicht haben, haben sie ausschließlich auf sanften Wegen erreicht. In Schweden, wenn er zum Haus der Solistin von Ace of Base gehen, an die Tür klopfen und darum bitten würde, dass sie ihm ein Lied vorsingt, würde sie ihm ein Glas Tee machen, eine Akustikgitarre unterm Bett rausziehen und für ihn spielen. Und das alles mit einem Lächeln. Aber hier? Wenn er keine Pistole in der Hand hätte, würde ich ihn doch bloß sämtliche Treppen hinunterwerfen.
    »Schauen Sie«, versuche ich einzuwenden.
    »Nichts da mit schauen Sie«, knurrt der Bärtige und spannt den Abzug, »entweder eine Geschichte oder eine Kugel in den Kopf.« Ich begreife, dass mir keine Wahl bleibt. Dem Kerl ist es absolut ernst.
    »Zwei Menschen sitzen in einem Raum«, fange ich an, »und plötzlich hört man ein Klopfen an der Tür.« Der Bärtige richtet sich gespannt auf. Für einen Moment kommt mir vor, die Geschichte habe ihn gepackt, aber nein, die ist es nicht. Er horcht auf etwas anderes. Jemand klopft wirklich an die Tür.
    »Mach auf«, sagt er zu mir, »und probier ja nichts. Bring ihn so schnell wie möglich weiter, sonst wird das böse enden.« Der junge Mann an der Tür ist von einer Meinungsumfrage. Er hat ein paar Fragen. Kurze. Zur hohen Feuchtigkeit hier im Sommer und dazu, wie sie sich auf meine Nerven auswirkt. Ich sage ihm, dass ich nicht interessiert bin, an der Umfrage teilzunehmen, aber er drängt sich trotzdem in die Wohnung.
    »Wer ist das?«, fragt er mich und deutet auf den Bärtigen.
    »Das ist mein Neffe aus Schweden«, lüge ich. »Er ist hergekommen, um seinen Vater zu beerdigen, der durch eine Schneelawine getötet wurde. Wir gehen gerade das Testament durch. Wären Sie bitte bereit, unsere Privatsphäre zu respektieren und zu gehen?«
    »Is ja schon gut«, klopft mir der Meinungsforscher auf die Schulter, »doch bloß ein paar Fragen, gib deinem Bruder eine Chance, sich zu ernähren. Sie zahlen mir pro Kopf.« Er lümmelt sich mit seinem Ordner auf das Sofa. Der Schwede setzt sich neben ihn. Ich stehe noch, versuche entschieden

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