Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Planet am Scheideweg

Planet am Scheideweg

Titel: Planet am Scheideweg
Autoren: Hans Kneifel
Ads
 
1.
     
    Jetzt mußte sich El Saghir ganz in der Nähe befinden. Das Boot zerfurchte leise summend die Wasserfläche. Die Wellen waren nicht höher als einen viertel Meter, und die Äquatorsonne brannte senkrecht auf die Wasserfläche und erfüllte den Raum rund um das auffallend gelbe Boot mit Tausenden Reflexen. Der Madeo mit den kupierten Flügeln schrie klagend auf und flatterte aufgeregt. Er spürte El Saghir.
    »Die Hitze ist vermutlich zu groß. Er hat keine Lust, sich aus dem Wasser zu wagen!« sagte Yebell leise.
    Er stand im Cockpit, die lange, schwere Harpune in beiden Armen. Yebell Le Monte war ein großer, breitschultriger Mann mit einem scharfen Gesicht. Seine Bewegungen waren bedächtig, aber zielbewußt. Diona wußte, wie hervorragend Yebell schoß; er tat überhaupt die meisten Dinge mit absoluter Meisterschaft.
    »Oder der Madeo sendet nicht genügend Angst und Aufregung!« meinte Yahai Paik, der Pilot. Er saß an der Steuerung des Bootes. Es umkreiste in etwa dreißig Meter Abstand den hilflosen Vogel, der in den Wellen schaukelte. Ein Tier von der Größe eines gemästeten Madeo, sechs bis sieben Pfund schwer, mußte auch einem Saghir in großer Tiefe auffallen. Dazu kam der gelbe Farbfleck mit den glänzenden Schwungfedern, die gekappt waren. Wieder schlug der Madeo mit seinen Schwingen und erzeugte eine Wolke Wasserstaub.
    »Paik! Vorsicht!« knurrte Le Monte.
    Er schob die dunkle Brille in die Stirn und kniff die Augen zusammen. Jetzt schrie der Vogel in höchsten Nöten. Ein hoher, schmerzhaft greller Ton erscholl über das Wasser.
    » El Saghir ist da!« flüsterte Diona.
    Das Jagdfieber der beiden Männer hatte sie angesteckt. Die Aussicht, heute abend eine Unmenge gegrillten Fisch zu essen, kam hinzu. Das Hotel mußte überdies versorgt werden, also gestattete man sich eine Jagd auf zwei oder drei der großen Fische.
    Hinter dem Heck huschte ein gewaltiger dunkler Schatten mit dem charakteristischen Längsstreifen in leuchtendem Weiß vorbei, schlug einen Haken und raste auf den angstvoll schreienden und um sich schlagenden Vogel zu. Das Tier erhob sich einige Handbreit über das Wasser und versuchte zu fliehen, aber es platschte wieder gegen den Kamm der nächsten kleinen Welle und riß den langen Kopf in die Höhe. Le Monte schwenkte den Lauf der Harpune herum und hielt sich von Seilrolle und Anschlußstück frei.
    »Ein riesiger Bursche!« sagte er.
    Yahai nahm die Fahrt von beiden Maschinen zurück. Gurgelnd stiegen einige Luftblasen aus den Unterwasserdüsen. Das Boot lag jetzt fast still und schaukelte leicht im Seegang.
    »Er verweigert!« sagte Yahai leise. Er drehte seinen kleinen, glattrasierten Kopf, als er versuchte, das Boot, und somit Le Monte, in eine bessere Position zu bringen. Wieder schlug der Schatten einen Haken, tauchte weg, und der Vogel wurde halb wahnsinnig vor Angst.
    Seine schwachen Ausstrahlungen erreichten jetzt einen Höhepunkt. Der große Fisch mußte merken, daß hier eine Beute sich in Todesgefahr befand und ihm nicht entkommen konnte, denn sonst wäre der Madeo schon längst aufgeflogen und zu seinem Horst zurückgekehrt. Beim Tauchen des Saghir vermißten sie die eindeutige Bewegung, die den Anlauf kennzeichnete.
    »Und ich sage dir, daß er nicht verweigert!« rief Le Monte.
    Seine dunklen, stahlblauen Augen versuchten, das Wasser zu durchdringen und die Bewegungen des sieben oder acht Meter langen Fisches zu erkennen. Er beugte sich leicht vor, nahm aber den Finger nicht vom Abzug der schweren Harpune.
    Das Boot fuhr langsam eine kleine Kurve und näherte sich wieder dem Madeo, der in seiner Angst etwa zwanzig Meter zurückgelegt hatte.
    Der Fisch war irgendwo in der Tiefe verschwunden. Sein Hunger und seine Gier stritten mit seiner Vorsicht.
    Die drei Personen im Boot konzentrierten sich auf die nächsten Handgriffe, die sie auszuführen hatten, falls Le Monte der Schuß doch noch glückte. Der Schweiß lief ihnen in Bächen über den Rücken und tränkte die leichte Badekleidung. Die orangefarbenen Schwimmwesten mit den hohen Kragenpartien waren an den Rändern schwarz und unansehnlich geworden.
    Le Monte sagte:
    »Er kommt wieder!«
    »Ausgezeichnet!« brummte Yahai. Seine Finger lagen über den Schaltern der Steuerung. Die Zwillingsmaschine lief noch ausgekuppelt. Leicht schwankte das Boot hin und her. Diona bekam glänzende Augen und dachte an Rotwein zum Fisch.
    »Wo ist der Fisch?« wollte sie wissen.
    »Noch im Wasser!« gab Le Monte zu. »Aber

Weitere Kostenlose Bücher

Adieu Cayenne
Adieu Cayenne von Albert Londres
Der Lügner
Der Lügner von Stephen Fry