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Plage der Finsternis - Keohane, D: Plage der Finsternis

Titel: Plage der Finsternis - Keohane, D: Plage der Finsternis
Autoren: Daniel G. Keohane
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KAPITEL 1
    Das Wetter war wirklich gut für August, das Thermometer erreichte kaum 27 Grad Celsius. Als die Sonne am Mittag ihren Höchststand erreichte, war der Himmel klar und strahlend blau. Und weniger als eine Stunde bevor ihre Welt von der Finsternis verschlungen wurde, segelte ein Football an Gem Davidsons Fenster vorbei, geriet außer Sicht und wurde mit einem flapp von jemandes Hand gefangen. Es mussten ihr Bruder Eliot und sein Kumpel Carl sein, die sich draußen den Ball zuwarfen, während sie auf das erste Spiel der Patriots in dieser Saison warteten, das um dreizehn Uhr beginnen sollte. Die beiden Jungs plapperten so aufgeregt über das Spiel, als ginge es in Wahrheit um die Wiederkunft Jesu. Gem überraschte, dass Mrs. Watts noch nicht herausgestürmt war, um die beiden anzuschnauzen, sie sollten sich gefälligst von ihrem Rasen herunterscheren – immerhin gehörte den neuen Nachbarn, technisch gesehen, ein Großteil des Grundstücks zwischen Gems Haus und der Kirche.
    Keine Kirche, berichtigte sie sich selbst. Von außen hatte das Gebäude schon immer größtenteils normal ausgesehen, eigentlich fast so wie alle anderen Häuser in der Nachbarschaft. Aber von innen ... nun ja, mittlerweile musste dieser Ort ausgeweidet, demoliert und mit Löchern in den Wänden zurückgelassen worden sein. Zumindest nahm Gem an, dass es so war, denn seit der Zeremonie im letzten Dezember hatte sie keinen Fuß mehr in dieses Haus gesetzt – seit der Bischof und alle anderen zurückgekehrt waren, um Gott vor die Tür zu setzen. Gem hatte während jener Zeremonie ein paar Minuten durch das Fenster gelugt und sogar einen letzten, verstohlenen Besuch in die untere Diele gewagt, während oben alle eifrig Lieder sangen. Sie selbst hatte nie zu der Kirchgemeinde gehört, die sich jeden Sonntag nebenan traf. Und obwohl Gem nie Teil dieser kleinen Sippe gewesen war, mochte sie nichtsdestotrotz die Musik, die man dort spielte. Jetzt vermisste sie es, Sonntagmorgens damit aufzuwachen, im Bett zu liegen und den Gesängen und der Orgel zu lauschen.
    Paul Brooke hatte Gem in jener Nacht erwischt, in der er und drei andere Typen den Altar nach draußen getragen hatten. Paul, der einen Jahrgang über ihr in der Highschool war und diese stahlblauen Augen besaß, mit denen er ihr weiche Knie bescherte, wann immer sie ihm in den Schulfluren begegnete. Er erklärte ihr knapp, dass die Kirche verweltlicht würde. Bis heute ergab das keinen wirklichen Sinn für Gem. Man konnte eine Kirche doch nicht einfach so schließen, nur weil irgendjemand plante, sie zu kaufen.
    Seit Dezember gingen nun Mr. und Mrs. Watts, der Architekt und seine Frau, die das Gebäude gekauft hatten, jedes Wochenende hier ein und aus; sie brachten frisches Schnittholz, lachten und winkten, wenn sie Gem sahen – zumindest Mister Watts tat das. Er schien recht nett zu sein. Seine Frau allerdings hatte diesen grimmigen, nachbarhassenden Blick perfektioniert, der zumeist in Richtung Gem ging. Bis jetzt hatte die neue Nachbarin zwar noch kein Aufhebens wegen Eliots unablässigem Spielen zwischen den beiden Häusern gemacht, aber das war wohl auch nur eine Frage der Zeit ...
    Gem winkte nie zurück und versuchte, ihnen keine Aufmerksamkeit zu schenken. Der Klang der Sägen und Hämmer war in den vergangenen Wochen verstummt. Letzten Donnerstag jedoch erwähnte Gems Mutter – bei einer der seltenen Gelegenheiten, bei denen sich Deanna Davidson tatsächlich gemeinsam mit ihrer Familie an den Abendbrottisch setzte –, dass sie einen Umzugswagen vor dem Nachbarhaus hatte stehen sehen. Gem hatte jenen Tag mit ihrem Immer-mal-wieder-Freund Matt – mit dem dieses ständige Hin und Her in letzter Zeit deutlich zunahm – am Salisbury Beach verbracht. Gott sei Dank! Ansonsten wäre es wirklich ein trübseliger Anblick gewesen.
    Zumindest aber bedeutete ein Umzugswagen, dass die Löcher in den Wänden wahrscheinlich zugespachtelt worden waren.
    Gem lehnte sich nach vorn, das Kinn auf die Hand gestützt, und starrte aus dem Fenster. Ihre Augen folgten der Bahn des Footballs, den sich die beiden Jungen fortwährend zuspielten. Matt war diese Woche mit seiner Familie im Urlaub und Audrey, ihre beste Freundin, war mit ihrem Schwimmteam bei einem Wettkampf in Sterling. Es war ein so herrlicher Sommertag, und sie hatte nichts zu tun. Vielleicht sollte sie allein zum Strand gehen, um sich ihrer Sonnenbräune zu widmen. Auch der funkelnagelneue Führerschein schien ihr, ungeachtet

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