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Phantasmen (German Edition)

Phantasmen (German Edition)

Titel: Phantasmen (German Edition)
Autoren: Kai Meyer
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2.
    Mein Name ist Rain.
    Meine Eltern haben mich so genannt, weil sie glaubten, dass Afrika nichts so dringend brauche wie Regen. Regen, sagten sie, würde alle Probleme beseitigen. Nicht ihre, aber die von Afrika.
    Ich weiß nicht, was sie geraucht oder getrunken haben, als sie auf den Gedanken kamen, ihre älteste Tochter so zu nennen, aber ich hoffe, sie hatten ihren Spaß dabei. In Afrika war ich zum ersten und letzten Mal mit achtzehn. Ich gehe nie wieder dorthin, nicht für alle verdurstenden Babys der Welt.
    Rain also.
    Als Kind nahm ich an, meine Eltern hätten an einen warmen Landregen gedacht, einen von der Sorte, die an den Wangen kitzelt und die schönsten Regenbögen an den Himmel zaubert. Heute glaube ich, es war die Blitz-und-Donner-Variante. Im Englischen sagt man bei Wolkenbrüchen »Es regnet Katzen und Hunde«. Das ist meine Sorte Regen. Das bin ich. Wenn dir statt zarten Nieselns ein Biest mit verfilztem Pelz ins Gesicht fällt: Gestatten, Rain Mazursky.
    Ich trage rote Dreadlocks und ein Tattoo auf meiner linken Schulter: einen Eiskristall, kleiner als meine Hand. Ich habe ihn mir stechen lassen, nachdem ich Afrika überlebt und beschlossen hatte, nie wieder irgendjemandes Regen zu sein. Mag sein, dass das Power-Pathos ist – Rain, die zu Eis gefriert –, aber ich habe da unten einiges durchgemacht, das ich niemandem an den Hals wünsche. Nicht mal meinen Großeltern.
    Emma, meine jüngere Schwester, behauptet, ich hätte mich durch die Sache dort gar nicht so sehr verändert. Ich hätte schon vorher einen Dachschaden gehabt. Und wer Emma kennt, der weiß, dass sie das ernst meint. Emma ist niemals ironisch oder sarkastisch. Emma ist auch niemals höflich. Emma sagt einfach, was sie denkt, und dann kann man sicher sein, dass es – wenigstens in ihrer Welt – die absolute Wahrheit ist.
    Vielleicht hat sie Recht. Afrika trägt nicht an allem die Schuld. Ich war nicht mal zwei Monate dort, und das scheint selbst mir nicht lange genug, um einen Menschen umzukrempeln. Aber letzten Endes spielt das keine Rolle, und das weiß auch Emma. Ich liebe meine kleine Schwester. Sie ist das, was von meiner Familie zählt, und mehr Familie brauche ich nicht.
    Die Ereignisse, die ich schildern will, haben keinen klaren Anfang. Ich könnte mit dem Tod unserer Eltern beginnen, mit dem Absturz ihrer Maschine. Oder achtzehn Monate später am Tag null , wie alle Welt ihn heute nennt – dem Tag, an dem die ersten Geister erschienen. Übrigens einem Donnerstag, was uns zurück zu Unwetter und Regen führt.
    Aber ich springe weitere achtzehn Monate vorwärts. Zu diesem Zeitpunkt waren Emma und ich seit drei Jahren Vollwaisen.
    Ich war neunzehn, meine Schwester siebzehn, und wir fuhren in einem verrosteten Mini Cooper durch Europas einzige Wüste.

3.
    Der Geist neben der Fahrbahn war erst der dritte seit dem Mittag. Wenn man aus einer Großstadt kommt, in der sie längst überall sind, und zweitausend Kilometer durch England, Frankreich und Spanien gefahren ist, ist ihr Anblick nicht spektakulärer als der einer Notrufsäule.
    Dieser Geist stand vor einer Felsformation, die sich nur wenige Meter neben der Schnellstraße 349 erhob. Die Desierto de Tabernas liegt im Süden Spaniens, in der Provinz Almería, mit dem Wagen keine Stunde von der Mittelmeerküste entfernt. Sie ist nicht groß, aber alles in allem eine echte Wüste. Früher haben sie dort Filme gedreht, eine Menge Spaghettiwestern, aber auch Lawrence von Arabien . Das war billiger, als mit zweihundert Mann in die Sahara oder nach Arizona zu fliegen. Also setzten sie spanischen Statisten Cowboyhüte oder Turbane auf, stellten sie in die Wüste von Tabernas und riefen »Action!«.
    Als Emma und ich dort ankamen, gab es noch immer ein paar alte Westernstädte, verfallene Kulissendörfer, in die sich seit Tag null wohl nicht mal mehr Touristen verirrten. Die Leute reisten nicht mehr so gern wie früher. Die meisten waren froh, wenn sie eine Bleibe gefunden hatten, in der es so wenige Geister wie möglich gab. Dort lebten sie vor sich hin, als warteten sie nur darauf, selbst zu Gespenstern zu werden.
    Der Mann, dessen Geist da im flirrenden Wüstenlicht stand und trotzdem gleißend hell erschien, musste irgendwann während der vergangenen drei Jahre mit seinem Wagen gegen den Felsen gerast sein. Wie alle Geister hatte er sein Gesicht der Sonne zugewandt. Das war die einzige Bewegung, zu der sie fähig waren. Drehten sich unendlich langsam mit der Sonne von

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