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Pfefferkuchenhaus - Kriminalroman

Pfefferkuchenhaus - Kriminalroman

Titel: Pfefferkuchenhaus - Kriminalroman
Autoren: Carin Gerhardsen
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Vannerberg hat mir sehr wehgetan, aber ich möchte nicht, dass Menschen sterben. Ich möchte, dass die Menschen mich sehen. Aber gleichzeitig unternehme ich alles, um nicht gesehen zu werden. Niemand hat mich gesehen, seit ich ein Kind war, und damals haben sie mich nur gesehen, weil ich so hässlich war, so anders. So will ich nicht sein, und deswegen mache ich mich unsichtbar. Ich habe Hans Vannerberg gesehen, wollte aber nicht, dass er mich sieht. Ich bin ihm gefolgt, um zu sehen, wie ein richtig glücklicher Mensch lebt. Ich wollte Hans Vannerberg nicht töten, ich wollte Hans Vannerberg sein.«
    Die plötzliche Gesprächigkeit überraschte Sjöberg, aber Sandén ließ sich nicht überrumpeln.
    ».Sie haben ihn trotzdem getötet, verdammt noch mal!«, fuhr er ihn an.
    »Ich habe ihn nicht getötet, ich bin ihm nur gefolgt. Aber es könnte ja andere geben, die er genauso behandelt hat wie mich und aus denen vielleicht andere Menschen geworden sind als ich.«
    »Was für Menschen zum Beispiel?«, fragte Sandén in demselben streitlustigen Tonfall.
    Thomas überlegte ein paar Sekunden, bevor er nachdenklich antwortete:
    »Ich glaube, wenn man aggressiver veranlagt ist und während der Kindheit derselben Behandlung ausgesetzt wird wie ich, dann wirken sich diese Demütigungen im erwachsenen Alter vielleicht anders aus als bei mir.«
    »Von welcher Behandlung und von welchen Demütigungen reden wir hier eigentlich?«, fragte Sandén.
    »Hans Vannerberg war ein Menschenschinder«, antwortete Thomas ruhig. »Er war ein richtig gemeines Kind und regelrecht sadistisch. Was er mir während dieses Jahres an der Vorschule angetan hat, war die reinste Folter. Vor allem waren es körperliche Misshandlungen. Er verprügelte mich fast täglich und wiegelte die anderen Kinder auf, dasselbe zu tun. Er war hart, stark und sah gut aus. Es war überhaupt kein Problem für ihn, die anderen Kinder zu fast allem zu bringen, was ihm einfiel. Sie haben mich an einer Laterne festgebunden und große Steine auf mich geworfen, sie haben mich bespuckt und mir Hundekacke ins Gesicht geschmiert. Sie haben meine Schuhe versteckt, sodass ich mitten im Winter barfuß nach Hause laufen musste. Sie haben mich im Müllkeller eingesperrt, mich verhöhnt und mich ausgelacht. Sie haben anderen Kindern Sachen geklaut und sie mir in die Tasche gesteckt, sie haben mich geschubst, mir Beine gestellt und mich verhauen. Und die Lehrerin hat nichts getan. Sie hat so getan, als würde sie nichts sehen. Wenn man sehr stark ist, dann schluckt man es runter und geht mit unangefochtenem Selbstvertrauen weiter durchs Leben, wenn man aber schwach ist, wird man einsam und ängstlich. Ich glaube, dass es auch einen dritten Weg gibt. Man kann aus der gesunden Normalität hinaustreten und sich ein eigenes Bild der Welt erschaffen. Ein Bild, das man mit keinem anderen teilt.«
    Sjöberg konnte nicht umhin, er war von der Geschichte dieses seltsamen Mannes berührt und stellte sich vor, wie eines seiner eigenen Kinder, die sechsjährige Sara etwa, an einer Straßenlaterne festgebunden und von einer Meute bösartiger Kinder mit Steinen beworfen wird. Er hätte eine solche Angelegenheit vermutlich selbst in die Hand genommen und wäre dabei nicht zimperlich gewesen. Aber was würde Sara tun, wenn niemand es sah und niemand es wusste? Auch Sandén war still geworden, und Sjöberg nahm an, dass sich in seinem Kopf ähnliche Gedanken rührten.
    »Und welchen Weg sind Sie gegangen, Thomas?«, fragte Sjöberg schließlich.
    »Ich gehöre leider zu den schwachen Menschen«, antwortete Thomas.
    »Sie machen aber keinen besonders schwachen Eindruck, so wie Sie uns die Geschichte erzählen.«
    »Ich habe es noch nie zuvor jemandem erzählt. Das hätte ich vielleicht schon vor langer Zeit tun sollen, aber ich hatte nie jemanden, mit dem ich reden konnte. Das ist meine Geschichte, und ich habe sie mein ganzes Leben lang mit mir herumgetragen. Es ist ein gutes Gefühl, sie endlich einmal losgeworden zu sein.«
    Thomas betrachtete die beiden Polizisten und den Anwalt und begann sich plötzlich zu genieren, weil er vor diesen fremden Menschen seine Seele offenbart hatte. Bestimmt betrachteten sie ihn jetzt mit demselben Gefühl wie alle anderen, mit Verachtung. Er spürte, wie ihm das Blut wieder ins Gesicht stieg, und senkte verschämt den Kopf, damit sie ihn nicht sehen konnten.
    Aber Sjöberg sah ihn. Er sah einen kleinen ängstlichen und einsamen Menschen, der für ein paar Minuten die

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