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Paul ohne Jacob

Paul ohne Jacob

Titel: Paul ohne Jacob
Autoren: Paula Fox
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DER DA
     
     
     
     
     
    Der wieder. Jeden Schultag das Gleiche. Stand morgens am Wohnzimmerfenster und winkte. Jacob, der Blödmann, die Brille schief auf seiner kleinen, dicken Nase, den Pulli oder das T-Shirt – was er sich eben über den Kopf gezogen hatte – verkehrt herum an, mit Toastkrümeln auf der Oberlippe, die noch vom Frühstück dort klebten.
    Paul, sein älterer Bruder, marschierte den Weg vor dem Haus entlang und umfasste dabei die Riemen seines Rucksacks, hielt sie ganz fest und winkte nicht zurück. Auch ohne hinzusehen wusste er, dass Jacob am Fenster stand. Und ohne seine Mutter zu sehen, Nora Coleman, wusste er, dass sie ein Stück hinter ihm stand. Sie beobachtete Jacob auf Schritt und Tritt. Wenn er aß, ging ihr Mund auf und zu, als wollte sie mit ihm essen. Wenn er weinte, verzog sich auch ihr Gesicht. Wenn er lachte – meist völlig grundlos, soweit Paul das erkennen konnte –, lachte auch sie. Natürlich hatte sie auch mitbekommen, wie Jacob zum Fenster lief, und war ihm gefolgt.
    Am Nachmittag, wenn Paul von der Schule nach Hause kam, durch den Hintereingang in die Küche stürmte und ganz vergessen hatte, dass es Jacob gab, war sie zur Stelle, um ihn daran zu erinnern.
    »Bitte«, sagte sie, »dreh dich um und sieh Jacob an, wenn du morgens zur Schule gehst. Er würde sich so freuen. Du brauchst dabei ja nicht mal zu lächeln.«
    Paul schwieg. Er blieb meistens stumm, wenn seine Mutter oder sein Vater ihn ganz direkt auf etwas ansprachen, was er für Jacob tun sollte.
    »Das ist boshaft«, sagte sie. »Du hast dich in deiner Bosheit verrannt.«
    Am nächsten Morgen winkte er nicht und auch nicht am Morgen danach. Sobald seine Eltern ihn darum baten, für Jacob noch mehr zu tun, als mit ihm unter ein und demselben Dach zu leben, hatte er das Gefühl, in einem stehenden Tümpel mit schleimigem Wasser zu ertrinken, mitten in einem dunklen Wald, wo keiner war, der ihn retten konnte. Wenn Jacob an Pauls Sachen ging, wenn er ein Kissen in seine Richtung warf oder einen Löffel in seinen Nachtisch bohrte, dann löste sich Pauls Zunge und er konnte jede Menge dazu sagen. Dann konnte er lauthals protestieren und sich dabei im Recht fühlen. Aber wenn Jacob sich auf eine Weise verhielt, die seine Eltern als »lieb« bezeichneten, und Paul darauf eingehen sollte, dann schnürten ihm nasse Schlingpflanzen die Kehle zu.
    Anfang April ging Paul an einem Freitagmorgen den asphaltierten Weg entlang, zur Straße hin, wo der Schulbus halten und ihn mitnehmen würde. Über Nacht hatte ein Forsythienstrauch Blüten bekommen und ein langer, gebogener Zweig streifte über sein Gesicht. Das war nervig; es hätte ebenso gut Jacob sein können, der mit schmierigen Fingern nach ihm grapschte. Paul ging schneller und heftete den Blick auf die Füße, die ihn, einen wuchtigen Schritt nach dem anderen, immer weiter weg von seinen Eltern trugen, von Jacob und der langsamen Hin-und-her-Bewegung seiner linken Hand, von seinem Lächeln, bei dem die Augen zu schmalen Schlitzen wurden. Ein runder Kürbis auf der Fensterbank.
    Ende des Monats, am dreißigsten April, würde Jacob sieben Jahre alt werden. Und wenn er so alt war wie Paul, elf Jahre, würde er immer noch genauso aussehen, nur größer und breiter. Bis dahin wollte Paul so weit weg von zu Hause sein, wie es nur ging.
    Er hörte die Haustür zuschlagen. Schritte dröhnten auf dem Asphalt. Plötzlich wurde er an den Schultern gepackt und festgehalten.
    »Paul!«, rief sein Vater.
    Während er Paul weiterhin an den Schultern hielt, drehte er ihn herum, als wollte er eine Schraube festziehen. Das machte er so lange, bis Paul dem Haus zugewandt war und dem Fenster, gegen das Jacob seine breite, sommersprossige Stirn drückte.
    »Du winkst zurück!«, befahl ihm sein Vater. »Das hört auf, dafür werde ich schon sorgen! Los jetzt!«
    »Ich kann nicht!«, rief Paul.
    »Du meinst: Du willst nicht«, sagte sein Vater zornig. Er packte Pauls Arm und bewegte ihn wie einen Hebel nach oben und unten. »Schau deinen Bruder an! Von jetzt an machst du das so – hast du verstanden?«
    Jacob lachte wie wild, hüpfte auf und ab und winkte aufgeregt mit beiden Händen.
    Paul hörte Räder rumpeln, den zischenden Laut von Bremsen. Sein Vater ließ ihn unvermittelt los, und Paul entfloh zu dem gelben Schulbus, dessen Türen sich für ihn öffneten. Er sprang die Stufen in die dumpfe, schwüle Luft hinauf. Seine Freunde begrüßten ihn mit lauten Zurufen, der Fahrer legte den

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