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Paul, mein grosser Bruder

Paul, mein grosser Bruder

Titel: Paul, mein grosser Bruder
Autoren: Hakan Lindquist
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EINS
    502 Tage liegen zwischen deinem letzten und meinem ersten Tag. Trotzdem, irgendwie bist du mir immer nahe gewesen.
    Mein erstes eigentliches Bild von dir ist das Schulfoto, das immer auf dem Fernseher im Wohnzimmer stand. Du bist ein dreizehnjähriger Junge, der meiner Mama ähnlich sieht. Dein Haar ist ziemlich lang, schön gekämmt und dunkel. Genau wie das von Mama. Du lachst nicht auf dem Bild. Du siehst mich nicht an, sondern blickst starr auf irgendetwas weit hinter der Kamera und den Klassenkameraden. Ich bin ein fast dreijähriger Junge, der vor dem Fernseher steht und zu deinem Foto hinaufschaut. Die Balkontür neben mir steht offen, einige Schneeflocken suchen ihren Weg in die Wärme und fliegen wirbelnd um dein Bild, bevor sie zu Boden sinken und schmelzen.
    »Wer ist das ?« , frage ich meine Eltern.
    »Das ist dein Bruder«, antwortet Mama und schließt die Balkontür. »Das ist dein Bruder Paul .«
    »Er ist gestorben, bevor du geboren wurdest«, erklärt Papa.
    Ich friere nur und bin viel zu klein, um das zu verstehen.
    Ich schaue das Foto von dir an. Manchmal - wenn ich traurig bin - finde ich, wirkst du auch traurig. Wenn ich fröhlich bin, bilde ich mir ein, ein geheimnisvolles Lächeln um deine Lippen zu sehen.
    Ich betrachtete das Foto; ich konnte nicht verstehen, dass du mein Bruder warst und tot bist. Der Gedanke war viel zu abstrakt für mich. Meine Familie bestand aus Mama, Papa und mir. Du warst damals nur ein Gedanke. Oder – vielleicht - eine Sehnsucht.
     
    Als ich etwas älter war - ich muss gerade mit der Schule angefangen haben -, begann ich, meine Eltern über dich auszufragen. Ich wollte wissen, wer du warst, was du getan hast, mit wem du gespielt hast. Du musstest doch gespielt haben, Paul; du bist doch noch ein Kind gewesen, als du starbst.
    »Paul war so ein guter Junge«, erzählte Mama, und ihre Stimme klang genauso, wie wenn sie mir Märchen vorlas. »Er war so fleißig. Er malte und zeichnete gern. Alle mochten ihn. Die Lehrer in der Schule. Seine Klassenkameraden. Und die Kinder hier in der Straße. Alle mochten ihn. Und alle waren traurig, als er starb .«
    »Waren alle Klassenkameraden auf der Beerdigung ?« , fragte ich.
    »Nein. Nicht alle. Nur einige seiner besten Freunde. In der Schule hatten sie schon eine Gedenkstunde abgehalten. Die fand einen Tag vor der Beerdigung statt. Trotzdem war die Kirche bis auf den letzten Platz gefüllt .«
    »Woran ist er gestorben ?«
    »Das weißt du doch«, sagte sie langsam. »Das habe ich dir schon hundertmal erzählt .«
    »Bitte«, bettelte ich. »Ich will, dass du es noch einmal erzählst. Ich will es hören .«
    »Er wurde von einem Zug überfahren und war sofort tot«, sagte sie kurz. »Es ging alles sehr schnell .«
    »Nein«, sagte ich. »Nicht so. Erzähl wie immer .«
    »Paul ging gern im Wald spazieren«, fing sie an. »Ihm machte es großen Spaß, die Tiere und Pflanzen zu beobachten, und er hoffte immer, irgendeinem wilden Tier zu begegnen...«
    »Hat er irgendwann mal junge Füchse gesehen ?« , unterbrach ich sie.
    Mama lächelte.
    »Ja, eines Morgens, als er richtig früh unterwegs war. Ich und Stefan wachten gerade auf, als Paul zurückkam. Er lachte und rief nach uns, sobald er durch die Tür war. ‚Wacht auf! Wacht auf !‘ , rief er. Dann kam er in unser Schlafzimmer. Er setzte sich auf die Bettkante und erzählte von den jungen Füchsen .«
    »Wie alt war er da ?«
    »Elf oder zwölf, schätze ich mal. Und er erzählte von seinem Waldspaziergang. Er hatte sich auf einen alten, umgestürzten, völlig morschen Baumstamm gesetzt, als er plötzlich ein jaulen-des Geräusch hörte. Erst hatte er Angst, erzählte er, doch dann war die Neugier größer. Paul kletterte also auf einen großen Steinblock, um besser zu sehen. Und um besser geschützt zu sein, nehme ich an. Und dort, genau unter dem großen Felsen, sah er drei kleine süße Füchslein, die vor ihrem Bau spielten .«
    »Da war Paul wohl glücklich ?«
    »Ja.« Mama klang etwas traurig. »Da war er wirklich glücklich .«
    »Und wie ging es weiter ?« , wollte ich nach einer Pause wissen.
    »An dem Tag, als er starb, war er im Wald unterwegs«, fuhr meine Mama schließlich fort. »Am Morgen, beim Frühstück, erzählte er, dass er einen langen Waldspaziergang machen wollte. Er hoffte, dass er irgendetwas Neues entdecken würde, etwas, das er vorher noch nie gesehen hatte. Ich machte ihm einige Brote und gab ihm eine Thermoskanne mit. Bevor er ging,

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