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Paul Flemming 03 - Hausers Bruder

Titel: Paul Flemming 03 - Hausers Bruder
Autoren: Jan Beinßen
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1
    Irgendwie taten sie ihm leid, wie sie da so stumpfsinnig ihre Bahnen zogen. Dicht gedrängt, Leib an Leib. Ab und zu tauchten ihre Köpfe auf, so dass er die Augen sehen konnte, die nur dumpfe Gleichgültigkeit auszudrücken schienen.
    Sie haben keine Ahnung von dem, was auf sie zukommt, dachte Paul Flemming, und das ist auch gut so. Dann löste er seinen Blick endlich von den Fischen im brusthohen Bassin.
    Wegen der Karpfenernte war er an diesem herrlichen Spätsommertag extra früh aufgestanden, was für Paul an einem Samstag alles andere als üblich war. Nun stand er schon seit gut zwei Stunden am Valznerweiher, gähnte und beobachtete das Spektakel, das die Fischbauern vor einer Hand voll Journalisten, einigen lokalen Politikern und vielen neugierigen Besuchern veranstalteten.
    Der weitläufige Teich war abgelassen worden. Das von Bäumen umsäumte, flache Becken breitete sich jetzt als schwarze, glitschige Schlicklandschaft vor ihnen aus. Die Fischbauern und eine Menge freiwilliger Erntehelfer wateten in kniehohen Stiefeln und Anglerhosen durch das Brackwasser. Bewehrt mit großmaschigen Käschern fischten sie die zappelnden Karpfen aus dem Morast.
    Die Fische landeten allesamt in dem großen Bassin, das Paul gerade eben noch so fasziniert bestaunt hatte. In dem Frischwasser blieben die Karpfen so lange, bis sie verkauft wurden. Und einige, dachte Paul, während seine Nase einen feinen Küchendunst aus der nahen Gaststätte roch, würden in Bierteig gebacken sogar auf den Tellern der heutigen Zuschauer landen.
    Sein Mitleid für die Fische verflog schnell, als er sich den erdig markanten Geschmack des weißen Fleisches unter einer knusprigen Panade vergegenwärtigte. Und bei dem Gedanken an frittierte Flossen, die sich knabbern ließen wie Kartoffelchips, lief ihm das Wasser im Mund zusammen.
    Paul schlenderte betont langsam zu einem provisorisch aufgebauten Podium auf der anderen Seite des Fischbeckens hinüber. Dort trat gerade ein hinlänglich bekannter Landtagsabgeordneter gemeinsam mit dem Fischereiverbandsvorsitzenden vors Mikrophon. Paul hatte am Morgen schon genug Fotos gemacht, nun würde er nur noch den Ansprachen lauschen und einige Hintergrundinformationen für seine Bildtexte notieren. Damit wäre sein Job hier erledigt, und er konnte sich voll und ganz dem Wochenende widmen.
    Der Verbandsvorsitzende begann: »Fast wäre es in diesem Sommer den Karpfen zu warm geworden. Der Klimawandel lässt grüßen!«, sagte er gestelzt. »Weil die Temperaturen im Juni und Juli so außergewöhnlich hoch waren, wurden unsere Teichwirte schon ziemlich nervös. Karpfen mögen eine Wassertemperatur von über fünfundzwanzig Grad nämlich überhaupt nicht.«
    Der Fischexperte wurde immer leiser und war nun trotz der Verstärkeranlage nicht mehr gut zu hören. Paul trat also noch näher an das Podium heran. Im Bassin daneben wimmelte es von immer mehr stattlichen, grüngrau schimmernden Karpfen.
    »Aber dann kam Gott sei Dank der Regen«, die Stimme des Verbandsvorsitzenden hob sich wieder. »Und die Qualität der Fische kann sich wahrlich sehen lassen: Fünf bis sechs Prozent Fettgehalt – das ist hervorragend.« Einige wenige Zuhörer klatschten Beifall.
    Anschließend erzählte der Karpfenfachmann noch etwas von der dreihundertjährigen Erzeugertradition, von einer Produktionsmenge von jährlich zweitausendvierhundert Tonnen Karpfenfleisch allein aus Mittelfranken und wollte nach Pauls Erwartung gerade das Wort an den bereits ungeduldig auf seinen Füßen wippenden Landtagsabgeordneten übergeben, als ein außergewöhnliches Geräusch ihn abrupt innehalten ließ.
    Es war ein unheilvolles Knirschen, das sich schnell in ein ohrenbetäubendes Zischen verwandelte. Blitzschnell richtete Paul seinen Blick auf die dünnwandige Plastikhülle des Fischbeckens. Dann bemerkte er zu seinen Füßen die ersten Rinnsale.
    Für jeden Fluchtversuch war es damit schon zu spät! Paul schaffte es gerade noch, seine teure Nikon in die Höhe zu reißen, als im selben Augenblick die Wand des Bassins nachgab und sich die sprudelnden Fluten auf das völlig überraschte Publikum ergossen.
    Dröhnend donnerte die Gischt Kubikmeter um Kubikmeter aus dem Becken. Das Wasser schoss durch Pauls Beine hindurch und um sie herum und zerrte bedrohlich an seiner Hose. Über das Rauschen hatte sich das hysterische Geschrei einiger Damen in feinen Kostümen gelegt.
    Während Paul verzweifelt versuchte, das Gleichgewicht zu halten und damit auch

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