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Patria

Patria

Titel: Patria
Autoren: Steve Berry
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Prolog
Palästina
April 1948

    George Haddad war mit seiner Geduld am Ende und starrte den an den Stuhl gefesselten Mann wütend an. Dieser hatte wie Haddad den dunklen Teint, die scharfe Nase und die tief liegenden, braunen Augen der Syrer und Libanesen. Doch der Mann hatte etwas an sich, das Haddad total gegen den Strich ging.
    »Ich frage Sie jetzt zum letzten Mal: Wer sind Sie?«
    Haddads Soldaten hatten den Mann unmittelbar vor Tagesanbruch vor drei Stunden aufgegriffen. Er war allein und unbewaffnet gewesen. Was mehr als leichtsinnig war. Seit die Briten vergangenen November entschieden hatten, Palästina in zwei Staaten zu teilen, einen arabischen und einen jüdischen, herrschte zwischen den beiden Seiten Krieg. Dennoch war dieser Irre auf direktem Wege in einen arabischen Stützpunkt hineinmarschiert, hatte bei seiner Festnahme keine Gegenwehr geleistet und noch kein Wort gesagt, seit er an den Stuhl gefesselt worden war.
    »Haben Sie mich verstanden, Sie Trottel? Ich habe gefragt, wer Sie sind.« Haddad sprach Arabisch, und es war offensichtlich, dass sein Gefangener ihn verstand.
    »Ich bin ein Hüter.«
    Haddad hatte keine Ahnung, wovon der Mann sprach. »Was meinen Sie damit?«
    »Wir hüten das Wissen.«
    Haddad hatte keine Lust auf Rätselraten. Erst gestern hatten jüdische Untergrundkämpfer ein benachbartes Dorf angegriffen. Vierzig Palästinenser, Männer wie Frauen, waren in einen Steinbruch getrieben und erschossen worden. Leider war das kein Einzelfall. Die Araber wurden systematisch ermordet und vertrieben. Es wurden Ländereien beschlagnahmt, die seit sechzehnhundert Jahren in arabischem Familienbesitz waren. Die nakba , die Katastrophe, geschah hier und jetzt. Haddad sollte besser rausgehen und kämpfen, statt sich hier weiter irgendwelchen Mist anzuhören.
    »Wir sind alle Wissenshüter«, stellte er klar. »Mein Wissen lehrt mich, jeden Zionisten, den ich erwische, vom Erdboden verschwinden zu lassen.«
    »Deswegen bin ich ja hier. Dieser Krieg ist nicht nötig.«
    Dieser Mann war tatsächlich ein Idiot. »Sind Sie blind? Die Juden überrennen unser Land. Wir werden vernichtet und vertrieben. Krieg ist das Einzige, was uns bleibt.«
    »Sie unterschätzen die Entschlossenheit der Juden. Sie haben Jahrhunderte voller Verfolgung überstanden, und sie werden weitere überstehen.«
    »Dies ist unser Land. Wir werden gewinnen.«
    »Es gibt wirksamere Mittel als Gewehrkugeln, um Ihnen zum Sieg zu verhelfen.«
    »Da haben Sie recht. Bomben. Und wir haben mehr als genug Bomben, um euch zionistische Diebesbande ein für alle Mal auszurotten.«
    »Ich bin kein Zionist.«
    Er sagte es leise und gelassen, dann schwieg er. Haddad begriff, dass er dieses Verhör schleunigst beenden musste. Er hatte keine Zeit für nutzloses Gerede.
    »Ich bin von der Bibliothek hierhergekommen, um mit Kamal Haddad zu sprechen«, sagte der Gefangene schließlich.
    »Das ist mein Vater«, sagte Haddad verwirrt.
    »Man hat mir gesagt, dass er in diesem Dorf hier lebt.«
    Haddads Vater war ein Akademiker, der die palästinensische Geschichte studiert und in Jerusalem am College unterrichtet hatte. Er war ein kräftiger, großherziger Mann mit einer lauten Stimme und einem schallenden Lachen, und er hatte kürzlich versucht, zwischen den Arabern und Briten zu vermitteln und die Massenzuwanderung der Juden zu stoppen, um die nakba zu verhindern. Doch er war gescheitert.
    »Mein Vater ist tot.«
    Zum ersten Mal bemerkte er Sorge im ausdruckslosen Blick seines Gefangenen. »Das wusste ich nicht.«
    Haddad kämpfte mit der Erinnerung, die er am liebsten für immer verdrängt hätte. »Vor zwei Wochen hat er sich eine Gewehrmündung in den Mund gesteckt und sich den Kopf weggepustet. In seinem Abschiedsbrief steht, dass er es nicht ertragen konnte, die Vernichtung seiner Heimat mit anzusehen. Er gab sich die Schuld daran, dass es nicht gelang, die Zionisten aufzuhalten.« Haddad, der nach seinem Revolver gegriffen hatte, zielte direkt auf das Gesicht des Hüters: »Was wollten Sie von meinem Vater?«
    »Er ist der Mann, für den meine Information bestimmt ist. Er ist der Eingeladene.«
    Haddad riss allmählich der Geduldsfaden. »Wovon reden Sie eigentlich?«
    »Ihr Vater war ein ungemein achtenswerter Mann. Er hatte studiert und das Recht erworben, unser Wissen zu teilen. Darum bin ich gekommen, um ihn dazu einzuladen.«
    Die ruhige Stimme dämpfte Haddads Zorn wie ein Eimer Wasser ein loderndes Feuer. »Welches Wissen denn?«
    Der

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