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Paradiessucher

Paradiessucher

Titel: Paradiessucher
Autoren: Rena Dumont
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NACHRICHT
    Ich öffne den Briefkasten. Ein blaues Kuvert fällt heraus. Ein großformatiger Brief, das ist ungewöhnlich. Bisher haben wir zwei dieser Briefe bekommen. Immer schlechte Nachrichten. Nicht, dass jemand krank geworden oder gestorben ist, sich getrennt hat oder durch eine Prüfung gefallen ist, nein, die schlechten Briefe bedeuten nur, dass das Leben genauso weitergehen wird wie bisher.
    Ich lasse meine Schultasche fallen, mein Herz rast. Aufgeregt lese ich den Inhalt des Briefes, obwohl er nicht an mich adressiert ist. Ich weiß, das tut man nicht, aber meine Mutter liest auch meine Post. Das wird sie mir diesmal verzeihen, denke ich. Wie gelähmt stehe ich im Hausflur, und mein Herz krampft sich zusammen.
    Das gibt es nicht. Nein, die haben sich vertan. Meine Gedanken verschwimmen. Ich lese die Zeilen noch mal, um mich zu vergewissern, dass ich nicht träume. Ich träume nicht. Glauben kann ich es trotzdem nicht. Ich lese den Brief ein drittes Mal.
    Die Mütter aus unserem Haus gehen mit riesigen Einkaufstaschen an mir vorbei und grüßen, die Kinder kommen scharenweise aus der Schule, ein betrunkener Nachbar torkelt ebenfalls die mit grauem Linoleum bedeckten Stufen hoch. Das Linoleum ist so schlecht gelegt, so wellig, dass er bei jeder Stufe stolpert.
    Wie eine Rakete schieße ich die drei Stockwerke hoch und sperre hastig das Schloss unserer Wohnung auf. Meine Mutter ist nicht zu Hause, das weiß ich. Sie hat diese Woche Nachmittagsschicht. Das ist einerseits angenehm, weil ich mir in Ruhe die neue Lebenssituation ausmalen kann. Und zwar verdammt bunt. Andererseits fühle ich mich einsam. Ich würde zu gern meine Aufregung mit ihr teilen.
    Ich fühle mich immer einsam. Einsam in meiner kleinen mährischen Stadt Pùerov, mittendrin in der Tschechoslowakei. Meine Mutter arbeitet viel. Von 14 bis 22 Uhr schuftet sie in diesem beliebten Friseursalon. Ja, er ist geradezu »populär«. Alle Frauen in ganz Pùerov versuchen, dort einen Termin zu bekommen. Doch nur den wenigsten gelingt es. Nur Freundinnen meiner Mutter oder Frauen, die »wichtig« sind oder deren Männer einflussreiche Berufe ausüben, oder Frauen, die etwas Interessantes oder Begehrenswertes besorgen können, dürfen sich anmelden. Das normale Volk hat es schwer. Ja, bei meiner Mutter in dem Friseursalon namens »Oficina« geht die Post ab.
    Mama wird, wie immer, um 22 Uhr 15 nach Hause kommen. Mist. Noch siebeneinhalb Stunden muss ich warten. Ich bringe ihr diese Wahnsinnsnachricht in die »Oficina«, denke ich. Oder vielleicht nicht. Oder doch. Sollte meine Mutter auf den Brief mit einem Heulkrampf, Zittern oder sonstigen Anfällen reagieren, könnten die vier Drachen, die mit ihr zusammenarbeiten, von dem blauen Kuvert erfahren. Das wäre schlecht. Neid und Missgunst würde sich in dem Laden ausbreiten, innerhalb von 24 Stunden wüsste es ganz Pùerov. Samt Polizei. Dann wäre der Ofen aus, und sie würden uns bis ans Lebensende an Pùerov fesseln. Ich bleibe zu Hause.
    Ich setze mich an den Schreibtisch. Und grübele. Mir ist klar, dass das Jahr 1986 das entscheidende Jahr in meinem Leben sein wird. Der Papierstapel vor mir wächst und wächst, ich sollte Hausaufgaben machen, hab aber keinen Bock. Ich würde viel lieber Schauspielerfotos aus diversen Zeitschriften ausschneiden und sie in mein Heft kleben, wenn es mir nicht so peinlich wäre. Ich kann doch nicht mit siebzehn Bildchen kleben, als wäre ich zehn, und gleichzeitig so wichtige Entscheidungen über meine Zukunft treffen?!
    Die Hausaufgaben sind mir in den letzten Jahren am Gymnasium so lästig geworden, dass ich, um sie zu erledigen, einen anderen Weg gefunden habe. Der Weg heißt Eviçka. Eine Klassenkameradin. Sie ist meine größte Hilfe. Sie ist klug, sitzt direkt hinter mir, ist immer gut gelaunt, nie schadenfroh und kommt nie zu spät. So kann ich die verhassten Hausaufgaben morgens vor dem Unterricht mühelos von Eviçka abschreiben. Denn Eviçka mag mich. Es ist sowieso bequemer, die Lehrbücher in der Schule zu lassen, statt sie nach Hause zu schleppen.
    Ich hole den Stapel mit den Kinozeitschriften und lege ihn auf den Schreibtisch. Mein Heft, in dem jede Seite einer Schauspielerin gehört, liegt schon bereit, die Schere auch. Manche Schauspielerinnen haben mehrere Seiten, das hängt von der Popularität ab. Beim Blättern stoße ich auf Romy Schneider. Eine Schauspielerin, die ich noch nie im Film gesehen habe. Ich mag sie auch nicht besonders, weil sie traurig

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