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Pallieter

Pallieter

Titel: Pallieter
Autoren: Felix Timmermans
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Ein schöner Maienmorgen
     
    I n den ersten Tagen im Monat Unserer Lieben Frau war der Frühling krank. Die Sonne blieb weg und kleckste nur von Zeit zu Zeit durch ein Wolkenloch ein Bündel Licht auf die gelben Butterblumen. Das frische Grün, das sie von allen Seiten gewaltig aus der Erde, aus den Bäumen und dem Wasser herausgesogen hatte, lauerte ungeduldig auf sie.
    Pallieter zog den Mund schief und sagte bitter: »Das Wetter soll der Teufel holen!«
    Aber am Abend dieses Tages war der Vollmond, rot wie ein reifer Apfel, durch die Wolken gebrochen, und ein dünner Nebel legte sich wie ein Schleier über die Nethe und die Wiesen. Als Pallieter das sah, machte er den Zeigefinger mit Speichel naß, hielt ihn in die Höhe, und als er fühlte, daß der Finger an der Südseite kühl wurde, brach er in ein helles Gelächter aus, rollte zappelnd ins Gras und sang in den stillen Abend hinaus, daß es bis über die Nethe schallte:
    »Die mich weckt mit lautem Schall,
    Das wird sein die Nachtigall,
    Die Nachtigall so süße,
    Dann will ich gehn in jenes Tal,
    Daß ich die Blumen grüße.«
    Morgen ist wieder Sonnenschein!
    Er konnte kaum schlafen und lag fast die ganze Nacht wach bei weit offenem Fenster. Er starrte in den Himmel, an dem die Wolken zerbrachen und der nach langem Warten klar geworden war und zartblau blieb, betropft mit bleichen Sternen und erfüllt von hellem Mondschein.
    Und in der stillen, neuen Herrlichkeit, in der der Tau milde herniedersank, stieg das perlende Lied einer jungen Nachtigall empor. Pallieter erschauerte. Und er dachte an die Sonne, die nun noch fern hinter der Welt steckte, dort irgendwo bei den Mohren und Chinesen. Morgen würde sie wieder das süße Land der Nethe bescheinen, und die Bäume und die Pflanzen würden reden und schwatzen vor gewaltiger Lust, die Blumen würden aufbrechen vom Duft, die Wälder erbrausen von Vogelsang, und er selbst, Pallieter, er würde einen Fuß größer werden. Und er warf vor übergroßer Freude die Beine in die Luft, daß die Laken vom Bett flogen. Er deckte sich wieder zu und schlief ein mit lachendem Munde.

     
    Als im Osten sich ein heller Schein regte und ein Hahn gekräht hatte, sprang Pallieter aus dem Bett, zog sein Hemd aus und lief pudelnackt an die Nethe. Über der Erde und zwischen den hohen Bäumen hing grauer Nebel. Es war ganz still, das Gras bog sich schwer unter dem kühlen Tau, und von den Bäumen fielen große Tropfen. Pallieter sprang ohne Umstände in das tiefe Wasser, tauchte unter und kam, glänzend von Wasser und Glück, Atem schöpfend, in der Mitte wieder herauf. Die Wasserkühle machte das Blut in seinem Leib aufwallen: das tat ihm wohl, und er lachte.
    Er schwamm gegen den Strom, ließ sich auf dem Rücken zurücktreiben, tauchte, schwamm wie ein Hund, drehte sich und zappelte und stampfte mit Armen und Beinen, daß das Wasser klatschte und platschte und die Schwertlilien und das junge Schilf sich bogen und wiegten.
    Ganz langsam mit dem Wachsen des Lichtes waren die Nebel dichter und weißer geworden und hatten unversehens das ganze Land eingewickelt. Leises Vogelgezwitscher regnete aus den unsichtbaren Bäumen hernieder, und die neuen Blumendüfte zogen in leichten Wolken durch die Nebel. Und dort hinten über der Nethe war die tomatenrote Sonne, wie eine frohe Überraschung, aus all dem Weißen aufgeblüht. Pallieter war davon betroffen und rief: »Das wird ein Fest, das wird ein Fest!«
    Und er spritzte tausend Tropfen in die Höh.
    Dann tauchte er noch einmal unter, gleichsam um die Seele des Wassers mitzunehmen, und lief dann glänzend und rosenrot durch den weißen Nebel nach dem ,Reinaert’, seinem Hof, und sang:
    »Ein Oske durch mein Troske,
    Süßer, süßer Jadam —
    Adam hatte sieben Söhne,
    Sieben Söhn’ hat Adam...«
    Er war kaum ein paar Minuten in seiner Kammer, als die helle Beginenhofglocke durch das weiße Land schallte und er Charlot eilig die Treppe hinuntergehn hörte. Charlot blieb auf ihrer Kammer, bis sie Pallieter in der seinen hörte, denn einmal war sie ihm begegnet in dem Kleid, in dem er geboren worden, und war mit einem Schrei und hochgeworfenen Armen ins Haus zurückgelaufen. Das durfte nie mehr Vorkommen, lieber noch zu spät zur Messe kommen oder sie gar nicht hören, als auf dem Weg zu Gott einen Menschen sehen zu müssen, wie er aus Gottes Händen gekommen ist!
    Als Pallieter angezogen war, ging er hinunter, machte das Feuer im Herd an, setzte den Messingkessel auf und mahlte

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