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Olympos

Titel: Olympos
Autoren: Dan Simmons
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1
    Helena von Troja erwacht kurz vor Tagesanbruch vom Geheul der Luftschutzsirenen. Sie tastet über die Kissen ihres Bettes, aber ihr gegenwärtiger Liebhaber, Hockenberry, ist fort – er ist wieder in die Nacht hinausgeschlüpft, bevor ihre Dienerinnen erwachen, so wie immer nach ihren Liebesnächten, als hätte er etwas Schimpfl i ches getan. Zweifellos schleicht er sich jetzt g e rade durch die am wenigsten vom Licht der Fackeln erhellten Gassen und Seite n straßen nach Hause. Helena findet, dass Hockenberry ein selts a mer, trauriger Mann ist. Dann kommt die Erinnerung zurück.
    Mein Gemahl ist tot.
    Paris ’ Tod im Zweikampf mit dem gnadenlosen Apollo ist seit neun Tagen Realität – die große Bestattungszeremonie, an der s o wohl die Trojaner als auch die Achäer teilnehmen werden, b e ginnt in drei Stunden, sofern der Streitwagen der Götter, der jetzt über der Stadt ist, Ilium in den nächsten paar Minuten nicht vol l ständig zerstört – aber Helena kann immer noch nicht glauben, dass ihr Paris von ihr gegangen ist. Paris, der Sohn des Priamos, soll auf dem Schlachtfeld besiegt worden sein? Paris soll tot sein, in die dunklen Höhlen des Hades geworfen, bar der Schönheit seines Körpers und der Anmut seiner Bewegungen? Unvorstel l bar. Er ist doch Paris, ihr schöner Knabe, der sie Menelaos geraubt hat, vorbei an den Wachen und auf und davon über Lakedämon i ens grünen Rasen. Er ist Paris, ihr aufmerksamster Liebhaber selbst nach dieser langen Dekade des ermüdenden Krieges, Paris, den sie oft insgeheim als ihr »satt gefressenes, dahineilendes Pferd« bezeichnet hat.
    Helena schlüpft aus dem Bett und geht zum Außenbalkon hi n über. Sie teilt die hauchdünnen Vorhänge und tritt in Iliums a n brechendes Morgengrauen hinaus. Es ist tiefer Winter, und der Marmor unter ihren bloßen Füßen ist kalt. Der Himmel ist immer noch so dunkel, dass sie vierzig oder fünfzig Scheinwe r fer sehen kann, die auf der Suche nach dem Gott oder der Göttin und dem fliegenden Streitwagen in die Höhe stechen. Wellen g e dämpfter Plasma-Explosionen laufen über das hal b kuppelförmige Energiefeld des Moravecs, das die Stadt schützt. Mit einem Mal bohren sich viele kohärente Lichtstrahlen – massive lapislaz u liblaue, smaragdgrüne und blutrote Schäfte – aus den Verteid i gungsstellungen um Ilium herum in den Himmel. Vor Helenas Augen erschüttert eine einzige gewaltige Explosion den nördl i chen Quadranten der Stadt. Ihre Schockwelle hallt über Iliums dachlosen Türmen wider und weht Helena die la n gen, dunklen Locken von den Schultern. In den letzten Wochen haben die Gö t ter in zunehmendem Maße versucht, das Kraf t feld mit massiven Bomben zu durchdringen; die aus einem einzigen Molekül best e henden Bombenmäntel bewegen sich per Quantenphasenve r schiebung durch den Schutzschirm der M o ravecs. So haben es ihr Hockenberry und Mahnmut, das lustige kleine Geschöpf aus M e tall, jedenfalls erklärt.
    Helena von Troja interessiert sich nicht die Bohne für Masch i nen.
    Paris ist tot. Der Gedanke ist einfach unerträglich. Helena war bereit, zusammen mit Paris an jenem Tag zu sterben, an dem die Achäer unter Führung ihres früheren Gatten, Menelaos, und se i nes Bruders Agamemnon endlich eine Bresche in die Mauer schlagen, jeden Mann und jeden Knaben in der Stadt töten, die Frauen schänden und als Sklavinnen auf die griech i schen Inseln verschleppen würden, wie es ihre Freundin Ka s sandra prophezeit hat. Auf diesen Tag war Helena vorbereitet – darauf, entweder von eigener Hand oder von Menelaos ’ Schwert den Tod zu erle i den –, aber irgendwie hat sie nie so recht geglaubt, dass ihr gelie b ter, eitler, gottgleicher Paris, ihr dahineilendes Pferd, ihr schöner Krieger-Gemahl, noch vor ihr sterben könnte. Im Verlauf der mehr als neun Jahre währenden Belagerung und des glorreichen Kampfes hat Helena stets d a rauf vertraut, dass die Götter ihren geliebten Paris am Leben, unversehrt und in ihrem Bett lassen würden. Und das haben sie auch getan. Doch nun haben sie ihn umgebracht.
    Sie denkt an den Moment zurück, als sie ihren trojanischen G e mahl zuletzt gesehen hat, vor zehn Tagen. Da verließ er soeben die Stadt, auf dem Weg zu einem Zweikampf mit dem Gott Apo l lo. Paris hat nie zuversichtlicher ausgesehen, in stra h lendes Erz gehüllt, mit stolzem, aufrechtem Haupt, dem langen Haar, das ihm um die Schultern wehte wie die Mähne eines Hengstes, und blitzenden weißen Zähnen,

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