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Oksa Pollock. Die Unbeugsamen (German Edition)

Oksa Pollock. Die Unbeugsamen (German Edition)

Titel: Oksa Pollock. Die Unbeugsamen (German Edition)
Autoren: Cendrine Wolf , Anne Plichota
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wie das eines kranken Herzens.
    »Lass mich raten, Baba. Wir müssen das Herz der Erde reparieren? Wie Mechaniker? Oder Chirurgen?«
    Dragomira schwieg eine Weile, bevor sie mit bewegter Stimme sagte: »Ich würde eher sagen, dass wir das Herz der beiden Welten heilen und retten müssen, meine Duschka. Wie es sich für die Huldvollen gehört.«

Herzmassage
    S
eit Oksa von der Singenden Quelle zurückgekehrt war, hatte Orthon alles versucht, um ihren Eintritt in die Kammer des Umhangs zu kontrollieren. Zwei brutale Anläufe hatte er unternommen, die jedoch beide erfolglos geblieben waren, der erste dank der Wachsamkeit der Rette-sich-wer-kann, der zweite, weil sein Vater, Ocious, sich ihm gebieterisch in den Weg gestellt hatte.
    »Der Herrscher von Edefia bin immer noch ich!«, hatte er seinem Sohn entgegengeschleudert.
    Orthon hatte mit Müh und Not seinen gekränkten Stolz hinuntergeschluckt. Doch niemand zweifelte daran, dass der Treubrüchige, getrieben von seinen Rachegelüsten, zu Schlimmem fähig war. Und das Schlimmstmögliche wäre, Oksa etwas anzutun und sie so daran zu hindern, ihre Rettungsmission auszuführen. Orthon war ein unberechenbarer Mann, eine permanente Gefahr. Was würde geschehen, wenn sein Vater ihn zu sehr reizte? Würde er dann womöglich alles zerstören, nur um ihm zu beweisen, dass er der Stärkere war?
    Als nun zehn Alterslose Feen durch die Wand hindurch die Kammer des Umhangs betraten, zog Oksa instinktiv ihr Granuk-Spuck, ihr magisches Blasrohr.
    »Keine Sorge, meine Duschka«, beruhigte Dragomira sie. »Hier bist du sicher.«
    »Die Zeit Eurer Amtseinsetzung ist gekommen«, hob eine der Alterslosen an. Ihr Haar war verschlungen wie Algen auf dem Meeresgrund, ihre Silhouette milchig wie die ihrer Gefährtinnen, und ihre Anwesenheit hatte etwas ungeheuer Beruhigendes. Die Alterslose kam auf Oksa zu und hielt ihr ein langes dunkelrotes Gewand hin.
    »Euer Umhang, Junge Huldvolle«, sagte sie. »Wir sticken bereits seit dem Tag Eurer Geburt daran.«
    »Aber woher wusstet ihr, dass ich die nächste Huldvolle sein würde?«
    »Wir wussten es eben«, antwortete die Fee schlicht.
    Sie breitete den Umhang aus, und Oksa konnte die atemberaubend schöne Stickerei betrachten.
    »Das Garn wurde aus den Federn Eures Phönix gewebt«, erklärte die Fee, »dann haben wir jeden einzelnen Faden in einem Sud aus Pflanzen gefärbt, bevor die geschicktesten Näherinnen unter uns damit einen ganz besonderen Stoff bestickten.«
    »Das ist wahnsinnig schön«, flüsterte Oksa, während sie staunend die Motive betrachtete. »Ich glaube, auf der ganzen Erde gibt es kein solches Kleidungsstück. Nicht einmal die Kaiser von China hatten so etwas Schönes!«
    Am unteren Rand des Umhangs waren die mächtigen, weitverzweigten Wurzeln eines Baums dargestellt, dann die Krumen der Erde, dann das Gras, durchsetzt von Blumen in tausenderlei Formen, alle einzigartig, alle herrlich anzusehen, und darüber waren Bienen, Vögel, Libellen und andere Kreaturen der Lüfte zu sehen. Weiter oben, auf Höhe der Taille, entfaltete sich das Laubwerk des Baums in einer Überfülle von Grün in allen Schattierungen. Und schließlich verdunkelte sich der rote Stoff zu einem fast schwarzen Nachthimmel voller Sterne und Planeten, samt der Sonne, deren magischer Strahl auf die Erde fiel. Die Alterslose drehte den Umhang herum, und der achtzackige Stern, das Emblem Edefias, erschien. Instinktiv legte Oksa eine Hand auf ihren Bauch. Sie wusste, dass das Mal, das sie als nächste Huldvolle auswies, immer noch da war. Jetzt spürte sie es, warm und ermutigend.
    »Nehmt diesen Umhang an, Junge Huldvolle. Er ist Euer.«
    Oksa blickte sich suchend nach Dragomira um. Ihre Großmutter war eine außergewöhnliche Frau. Sie war bereit gewesen, bei der Öffnung des Tors ihr Leben zu lassen, damit die beiden Welten und ihre Liebsten eine Überlebenschance bekamen. Doch durch dieses Opfer blieb sie für immer eine verhinderte Huldvolle. Sie war nie in ihr Amt eingesetzt worden, hatte auf das Privileg verzichtet, ihren eigenen Umhang zu tragen, eine Zukunft an der Seite ihres Volkes zu erleben und jene aufwachsen zu sehen, die ihr nachfolgen würde.
    »Meine Bestimmung ist eine andere, meine Duschka«, sagte die geliebte Stimme.
    »Dann hatte der Plemplem also recht«, murmelte Oksa mit erstickter Stimme.
    Der kleine Haus- und Hofmeister der Huldvollen hatte nicht mehr sagen wollen, als Oksa ihn befragt hatte, doch die Junge Huldvolle verstand jetzt,

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