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Oh Schreck, die Miesbachs kommen

Oh Schreck, die Miesbachs kommen

Titel: Oh Schreck, die Miesbachs kommen
Autoren: Harald Tonollo
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Neue Nachbarn
     
    Patrizius Rottentodd war mit sich und der Welt zufrieden. Deshalb beschloss er, sich ein entspannendes Bad zu gönnen. Er betrachtete die drei vor ihm liegenden Pools, zog seinen löchrigen schwarzen Bademantel aus und überlegte voller Vorfreude, in welchen er zuerst steigen sollte: in den mit den Tausendfüßlern, den mit den Spinnen oder den mit den Ameisen?
    »Nun«, sagte er zu sich selbst, »das Beste sollte man sich immer bis zum Schluss aufbewahren«, und setzte einen Fuß in das Tausendfüßlerbecken. Unter verzückten Seufzern genoss er das wunderbare Kribbeln und Krabbeln von Hunderten aufgeschreckter Tierchen auf seinem Körper. Es gab einfach nichts Vergleichbares!
    Als er gerade ein besonders herzhaftes »Brrr« ausstieß, hörte er, wie jemand heftig an die Haustür klopfte. Er ließ sich davon jedoch nicht stören – schließlich war es die Aufgabe des alten Butlers Bruno, die Tür zu öffnen. Herr Rottentodd versankwieder ganz im wohligen Gewusel, da ertönte Brunos Stimme durch das Haus: »Gnädige Frau!«
    Kurz darauf ließ ein greller Schrei die Wände erzittern.
    Augenblicklich richtete sich Patrizius Rottentodd auf und verließ die übergroße Wanne. Flüchtig strich er sich einige Tausendfüßler von den Armen, schlüpfte schnell in seinen Bademantel und eilte nach oben.
    »Meine süße Fledermaus«, sagte Prospera Rottentodd, als ihr Gatte mit fragendem Blick neben sie trat, »diese schreienden Herrschaften hier sind die Miesbachs – unsere neuen Nachbarn.«
    »Wir haben Nachbarn?«, staunte Herr Rottentodd. »Gehört uns denn nicht das einzige Haus in dieser Straße?«
    »Leider nicht.« Frau Rottentodd seufzte. »Schräg gegenüber steht noch ein zweites.«
    »Ach!«, rief ihr Gemahl überrascht. »Das ist mir ja noch gar nicht aufgefallen.«
    »Aber genau da wohnen
wir
jetzt!«, brüllte Herr Miesbach aufgebracht und an seiner Schläfe traten dicke Adern hervor. Links neben ihm nickte seine Frau so heftig mit dem Kopf, dass der viel zu kleine Hut, der auf ihrer altmodischen Dauerwelle thronte, beinahe im hohen Bogen weggeschleudert worden wäre. Eingerahmt wurden die Eheleute Miesbach von ihren beiden Söhnen.
    »Soso!«, sagte Patrizius Rottentodd schließlich, nachdem er die neuen Nachbarn eingehend gemustert hatte. »Und jetzt sind Sie also so freundlich und statten uns einen kleinen Willkommensbesuch ab?«
    »Den Teufel tun wir!«, polterte Herr Miesbach sofort wieder los. »Wir fordern vielmehr, dass die Straße, in der
wir
wohnen, ordentlich und sauber gehalten wird. Aus ihrem völlig verkommenen Garten wuchert das Unkraut ja schon zu uns herüber! Und Ihre Frau ist völlig uneinsichtig, wie es scheint!« »Unkraut?«, staunte Palme, der gerade mit seinem Zwillingsbruder Pampe und seiner Schwester Polly an die Tür kam. »Das sind wundervolle Disteln und herrliche Brennnesseln!« »Die müsste man eigentlich unter Naturschutz stellen«, ergänzte Polly, obwohl sie als einziges Mitglied der Rottentodds duftende Blumen viel lieber mochte. Aber diese schreienden Miesbachs – und vor allem die dämlich grinsenden Söhne – fand sie schrecklich unsympathisch. Da musste sie natürlich zu ihrer Familie halten, die im Gegensatz zu ihr alles Alte und Stachelige liebte. Was nicht weiter verwunderlich war, weil sie von Hexen, Zauberern und allerlei anderen Wesen abstammte. Nur Polly war aus der Art geschlagen. »Ein Laune der Natur«, wie ihre Mutter zu sagen pflegte. Im Gegensatz zum Rest der Familie konnte Polly nicht im Dunklen sehen und hasste Kakerlakeneintopf, Madenpudding und Quallensuppe.
    »Unverschämte Göre!«, meldete sich Frau Miesbach jetzt zu Wort. »Wenn Sie Ihren
Garten
so haben wollen – bitte schön! Aber die Straße befreien Sie gefälligst von diesem …« Plötzlich stockte ihr der Atem. Ihre Augen wurden größer und größer und sie schnappte laut nach Luft. »Da … da …«, stammelte sie und deutete entsetzt auf Herrn Rottentodd.
    Unter dessen Kragen krabbelte gerade ein gutes Dutzend Tausendfüßler hervor.
    »Das … das ist ja ekelhaft!«, schauderte es Herrn Miesbach und seine Söhne streckten angewidert ihre Zungen heraus. »Nichts wie weg hier!«, befahl Frau Miesbach und machte auf dem Absatz kehrt. Hoch erhobenen Hauptes verließ sie gefolgt von ihrem Mann und ihren zwei Söhnen das Grundstück der Rottentodds.

     
    »Menschen!«, brummte Patrizius Rottentodd kopfschüttelnd, wurde abersofort wieder von dem angenehmen Krabbeln an

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