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Nur Engel fliegen hoeher

Nur Engel fliegen hoeher

Titel: Nur Engel fliegen hoeher
Autoren: Wim Westfield
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linke hintere Ecke eingemauert ist. Jonas will sich setzen. Es geht nicht. Er steht auf und sieht sich das Brett an. Es ist vielleicht zwölf Zentimeter breit, dreißig Zentimeter lang und in einem Winkel von 45 Grad in die Ecke gemauert. Es sieht aus wie eine Bank und lädt zum Sitzen ein, doch jeder Versuch, sich darauf niederzulassen, scheitert. Wie man sich auch bemüht, sich in die Ecke zu setzen, man berührt immer nur die vordere Kante des Brettes und rutscht ab. Ist das eine Fehlplanung oder Absicht? Jonas lässt sich auf den kalten Betonboden fallen, dreht sich auf den Rücken und starrt die Glühbirne an.
    Wo befindet er sich? Sicher ist es die Stasi, die ihn hier festhält. Hinter vorgehaltener Hand hat er oft mit Freunden über die Stasi geredet, über dieses Gespenst, das die eigenen Leute im eigenen Lande einschüchtert. Doch nur wenige wussten wirklich etwas. Jonas konnte nie einordnen, was Wahrheit, was Horrorgeschichte war.
    Warum haben sie ihn festgenommen? Weil er mit einer Klassenfeindin gevögelt hat? Können die das überhaupt wissen? Oder ist Julia tatsächlich eine Spionin? Sicher lassen sie ihn schmoren, damit er weich wird ... Doch er weiß ja nicht mal, was er verbrochen hat. Vögeln ist doch nicht verboten? Aber mit einer Spionin? Einer sehr schönen Spionin ...
    »Aufstehen! Mitkommen!«
    Zwei Männer in Zivil haben die Tür aufgeschlossen und stehen breitbeinig vor ihm. Sie nehmen Jonas in die Mitte und führen ihn durch einen alten Gefängnistrakt; vor einer Gittertür erhält er den Befehl: »Gesicht zur Wand! Hände auf den Rücken!«
    Die Tür wird aufgeschlossen. Sie bringen ihn in eine Zelle am äußeren Ende des Gefängnisses. Hinter einem Schreibtisch sitzt ein Mann in Polizeiuniform.
    »Leeren Sie alle Taschen. Jacke, Hose und was Sie sonst noch mit sich führen.«
    Jonas legt Geldbörse, Notizbuch und alles, was er bei sich trägt, auf den Schreibtisch.
    »Machen Sie Ihre Haare hinter die Ohren.« Der Uniformierte hinter dem Schreibtisch steht auf und leuchtet mit einer Taschenlampe in seine Ohren.
    »Hose runter! Beine breit! Bücken!«
    Der Uniformierte leuchtet zuerst in Jonas' Unterhose und dann in seinen After.
    »Umdrehen! Vorhaut zurück!«
    Der Uniformierte leuchtet seinen Penis und den Hodensack ab.
    »Anziehen!«
    Der Inhalt der Jacken- und Hosentaschen wird in eine Plastiktüte gestopft und mit einer Nummer versehen. Dann fordern die beiden Männer in Zivil Jonas auf, mitzukommen. Er wird eine Treppe hoch geführt. Wieder eine Gittertür. Wieder: »Gesicht zur Wand! Hände auf den Rücken!« Dann ein Bürotrakt. Über einer Zimmertür blinkt eine rote Lampe.
    Jonas muss hinter einem leeren Tisch in der hinteren Zimmerecke Platz nehmen. Die Beine des Tisches sind aus dünnem, vierkantigem Stahl, die Tischplatte ist mit einer Holztapete beklebt. Gegenüber steht ein Tisch aus denselben Werkstoffen, nur hat er zwei Unterschränke und könnte als Schreibtisch bezeichnet werden. Darauf eine moderne elektrische Schreibmaschine der Marke Optima, daneben ein tschechisches Spulentonbandgerät der Marke Tesla. Die Schreibtischlampe hat einen schwarzen, halbkugelförmigen, drehbaren Reflektor aus Metall.
    Hinter dem Schreibtisch sitzt ein Mann in Zivil, vielleicht 35 Jahre alt, mit kurzen, blonden Haaren, eine sportliche, gut aussehende Erscheinung. Hinter ihm an der Wand hängt ein Honecker-Bild von jener Art, wie man es aus Schulen und Verwaltungsräumen staatlicher Betriebe kennt. Die Tapeten an den Wänden sind bunt geblümt. Ein ähnliches Blumenmuster sieht man auf den Übergardinen, mit denen die beiden Fester zugezogen sind. Darunter lugt an mehreren Stellen eine ehemals weiße, vom Rauchen vergilbte Nylongardine hervor. Sonst gibt es im Raum nur noch einen Aktenschrank von ähnlich einfacher Bauart wie Tisch und Schreibtisch. Links neben dem Honecker-Bild hängt ein kleines, hässliches Regal, aus dünnen runden Stahlstäben geschweißt, darin drei schmale Brettchen aus Holzimitat. Auf dem unteren steht ein vertrocknetes Alpenveilchen, auf dem oberen eine faustgroße, mit Goldlack gestrichene Lenin-Büste, in der Mitte ein Buch mit grünem Schutzumschlag und weißer Rückenzeile: »Geschichte der SED«.
    Der Mann hinter dem Schreibtisch schneidet mit einer Schere eine verschweißte Plastiktüte auf, nimmt mit einer Pinzette eine Art Staubtuch heraus und legt es vor Jonas auf den Tisch.
    »Stecken Sie das in Ihre Hose!«
    Jonas sieht den Mann unsicher an, nimmt das Tuch

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