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Norden ist, wo oben ist

Norden ist, wo oben ist

Titel: Norden ist, wo oben ist
Autoren: Rüdiger Bertram
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bei uns zum Essen war. Mein Vater kennt Gott und die Welt, und da ist das Risiko, jemanden zu treffen, den er beruflich irgendwann mal über den Tisch gezogen hat, ziemlich hoch.
    Mel stellt sich vor dem Mercedesfahrer auf die Zehenspitzen und guckt ihm direkt in die Augen, genauso wie bei mir vorhin.
    Die Reaktion ist ähnlich. Der Typ ist total verwirrt und nimmt sein Smartphone vom Ohr.
    „Ist was?“, fragt er.
    Mel macht ein ganz trauriges Gesicht und nickt.
    „Na, sag schon, Kleine. Was ist denn los?“, erkundigt sich der Mann.
    „Mein Bruder ist krank, sehr krank, und wir haben seine Medikamente zu Hause vergessen. Der kann jeden Moment einen ganz schlimmen Anfall kriegen!“ Mel dreht sich zu mir um und zwinkert mir zu. Keine Ahnung, was Mel von mir erwartet. Ich mache es einfach wie sie. Ich nicke und gucke traurig. Außerdem rolle ich ein bisschen mit den Augen, damit das mit dem Anfall glaubwürdiger wird.
    „Und was wollt ihr da von mir?“, sagt der Mann. „Wo sind überhaupt eure Eltern?“
    „Tot. Alle beide.“ Mel wischt sich mit dem rechten Arm über die Augen und zeigt mit dem linken auf den Mercedes. „Autounfall. Es war genauso ein Wagen wie Ihrer.“
    „Oh, das tut mir leid“, sagt der Mann betreten und ich weiß, dass Mel den Typ damit in der Tasche hat. Er nimmt sein Telefon und murmelt „Ich meld mich später wieder“, ehe er auflegt.
    „Es ist auch gar nicht weit“, sagt Mel und lächelt den Mann an.
    Der Mercedesfahrer schaut erst uns an, dann auf seine Uhr.
    „Was hat dein Bruder denn für eine Krankheit?“
    „Was ganz Seltenes! Euromimose heißt das“, erwidert Mel, ohne zu zögern, und ich nicke wieder.
    Der Kerl versucht das jetzt tatsächlich mit seinem Smartphone im Internet nachzuschlagen, aber zum Glück ist das Netz zu schwach und er muss es aufgeben.
    „Wo ist denn euer Zuhause?“, fragt der Mann.
    Ich nenne ihm meine Adresse. Er zögert. Ganz so nah ist das auch wieder nicht, aber in einer guten halben Stunde kann man das mit einem ordentlichen Wagen locker schaffen.
    „Der Mercedes unserer Eltern war dunkelrot, nicht so schön silbermetallic wie Ihrer“, sagt Mel und streicht zärtlich über den Lack. Dann wischt sie sich eine echte Träne – ich schwöre! – aus den Augenwinkeln.
    Der Typ schluckt einmal, dann öffnet er die Tür, damit wir mit unserem Gepäck auf die Rückbank klettern können. Als wir sitzen, schiebt er seinen Kopf zu uns rein.
    „Dein Bruder muss doch nicht kotzen, wenn er einen Anfall kriegt, oder? Der Wagen ist so gut wie neu.“
    „Keine Sorge, der kriegt nur ganz üble Krämpfe. Deswegen sollten wir uns besser beeilen.“
    Der Typ knallt die Tür zu und rennt um den Wagen herum.
    „Krankheiten ziehen immer“, zischt Mel mir zu. „Damit kommt man überall durch. Echt!“
    Ehe ich erwidern kann, dass ich das eigentlich nicht so gut finde, weil es ja Leute gibt, die wirklich schwer krank sind, springt der Mann auf den Fahrersitz. Er tritt das Gaspedal so fest durch, dass ich Angst habe, er könnte mit seinem Fuß auf dem Asphalt des Parkplatzes landen.
    Der Mann schafft die Strecke bis zu mir nach Hause in dreißig Minuten. Während der ganzen Zeit spricht er kein Wort und ich kann ihm ansehen, wie erleichtert er ist, als wir aussteigen. Das liegt wahrscheinlich auch daran, dass ich ein paarmal auf dem Rücksitz zusammengezuckt bin, weil Mel mich gekniffen hat, um unseren Auftritt überzeugender zu machen.
    „Alles Gute!“, ruft er uns zu, dann braust er wieder davon.
    „Da hat’s aber einer eilig“, sagt Mel und schaut dem Mercedes nach, der mit quietschenden Reifen um eine Kurve biegt. Sie dreht sich um und folgt mir zu dem Tor, durch das man auf unser Grundstück kommt. Das Eisengitter ist reich verziert, und mein Vater hat dort sogar den Anfangsbuchstaben unseres Nachnamens einarbeiten lassen, um zu zeigen, wer hier wohnt. So ähnlich wie ein Hund, der an einen Baum pinkelt, um sein Revier zu markieren. Hinter dem Tor führt ein Kiesweg durch den Park. Ganz am Ende des Weges kann man unser Haus erkennen. Selbst auf die Entfernung sieht es riesig aus.
    „Wow!“, macht Mel, und wenn ich es nicht schon kennen würde, wäre mein erster Eindruck derselbe.

 

    Ich stehe neben Mel, die ihren Mund gar nicht mehr zukriegt.
    „Danke fürs Bringen“, sage ich und reiche ihr die Hand, um mich höflich zu verabschieden. Sie hat mir vom Rastplatz hierher geholfen. Dafür bin ich ihr dankbar, mehr aber auch nicht.
    „Sag mal,

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