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Nörgeln!: Des Deutschen größte Lust (German Edition)

Nörgeln!: Des Deutschen größte Lust (German Edition)

Titel: Nörgeln!: Des Deutschen größte Lust (German Edition)
Autoren: Eric T. Hansen
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1 . Willkommen in der wunderbaren Welt des Weh und Ach
    Was ist Nörgeln und warum?
    Seit der Mensch existiert – mindestens seitdem – isst er. Doch erst in den 1950er Jahren wurde an der Londoner Universität das Fach Ernährungswissenschaft gegründet. Schlafen tut der Mensch genauso lange, doch erst in den 1920ern Jahren haben Biologen begonnen, Schlaflabors einzurichten. Sex wurde sogar schon vor dem Menschen erfunden – die Sexualwissenschaft erst von Sigmund Freud.
    Der Mensch nörgelt, seit er den Mund aufmacht, aber bis auf den heutigen Tag gibt es kein wissenschaftliches Fach, das sich mit Nörgelei befasst. Es scheint, dass wir wie immer am wenigsten über die Dinge wissen, die wir am liebsten tun.
    Schon in meinem Buch Planet Germany habe ich beklagt, dass diese faszinierende menschliche Aktivität nicht wissenschaftlich erforscht wird. Damals habe ich eine Handvoll deutscher Universitäten angeschrieben, sie mögen bitte einen Lehrstuhl für Nörgelei einrichten und mich darauf sitzen lassen. Zwar hat sich bis jetzt kein Lehrstuhlsponsor gefunden, doch anscheinend hatte ich in ein Wespennest gestochen. Rein theoretisch waren sich alle einig: Die ehrwürdige Disziplin der Nörgelei braucht endlich eine eigene Wissenschaft.
    Denn Nörgeln ist kein Privatvergnügen wie in der Nase bohren. Es ist das ursprüngliche Fundament der Gesellschaft und die heimliche Quelle der nationalen Identität. Es gibt jedem Deutschen einen Grund zu leben. Um es mit Descartes zu sagen: Ich nörgele, also bin ich.
    Wenn die akademische Elite dieses Landes nicht den Mut hat, jene dringend benötigte Wissenschaft zu begründen, muss ich es selbst tun. Mit diesem Buch lege ich unerschrocken und vorausschauend dafür den Grundstein.
    Was genau ist Nörgeln?
    Wäre ich nicht Autor dieses Buches, sondern ein Kritiker, dessen Aufgabe es ist, an diesem Buch herumzumäkeln, würde ich als Erstes irgendwas Grundsätzliches in Frage stellen, zum Beispiel die im Buch angewandte Definition von »Nörgeln« und sagen: Der Autor habe sein Thema nicht ausreichend eingegrenzt.
    Diesem Kritiker will ich hiermit vorauseilend begegnen und mein Thema definieren. (Im Übrigen nennt man diese Art von Kritik, zuerst irgendwas Grundsätzliches in Frage zu stellen, »ablenkendes Nörgeln« – weil es gekonnt von der Tatsache ablenkt, dass dem Kritiker nichts Besseres eingefallen ist, oder auch »philologisches Nörgeln«, weil man das im ersten Proseminar an der Uni lernt.)
    Es gibt viele Formen des Nörgelns, aber allen scheint die Ohnmacht zugrunde zu liegen: Man ist unfähig oder unwillens, etwas zu ändern, was einen nervt, und meckert in der Hoffnung, jemand anderes werde es richten. Nehmen wir zum Beispiel ein Kind, das im Supermarkt quengelt, weil es ein Eis will. Seien wir doch ehrlich: Es könnte ja auch arbeiten gehen, das notwendige Geld verdienen und dann zum Laden zurücklaufen und das Zeugs selber kaufen, aber es denkt nicht dran. Also nölt es rum.
    Der Feuilletonautor, der seine Meinung weltgeschehenstechnisch für besonders wertvoll hält, könnte sich einer politischen Partei anschließen und dort versuchen, seine Ideen umzusetzen, doch doof ist er nun wieder auch nicht. Er weiß genau, seine Meinung ist zwar prächtig formuliert, aber sonst eher fragil, und sein hoch abstraktes Gedankengebäude könnte in der realen Welt schnell in Gefahr geraten, von anderen Ideengebern der Partei zu Staub zertreten zu werden. Also zieht er es gleich vor, zu nörgeln. Damit spart er sich eine Menge Energie.
    Das sind nur die beiden Enden des Spektrums: Das primitive und das hochgebildete Nörgeln. Dazwischen bewegen sich die nörgelnden Eheleute und die jammernde Sekretärin, ebenso der schwankende Partygast, der spätnachts, leider ohne weibliche Begleitung, auf einen Bus wartet, der niemals kommt, und vor sich hin schimpft. All diese Nörgler haben eines gemeinsam: Sie sind momentan hilflos, ihre Situation zu ändern, müssen aber irgendwas tun, also machen sie den Mund auf, und raus kommt Jammern, Quengeln, Mosern, Maulen, Murren, Meckern, Wimmern, Winseln, Sticheln, Nerven, Kritteln, sich Beschweren, Klagen, Auseinanderpflücken, Kritisieren, Blocken, Mauern, Bremsen und Lamentieren.
    Doch Nörgeln ist mehr als ein x-beliebiges Körpergeräusch, es ist auch eine emotional zutiefst befriedigende Lebensauffassung.
    Es ist das Genießen der wohligen, inneren Hilflosigkeit; es ist das dem eigenen, herrlich winselnden Unterton

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