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Nimm mich, wie ich bin

Nimm mich, wie ich bin

Titel: Nimm mich, wie ich bin
Autoren: Jill Shalvis
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1. KAPITEL
    “Sie sind entlassen.”
    “Was?” Ally hatte eigentlich die Absicht, ihre Stimme böse klingen zu lassen, aber sie erinnerte eher an die eines quiekenden Mäuschen. “Das … das können Sie nicht tun.”
    “Und ob ich kann.” Professor Langley Weatherby III., der genauso ein Snob war, wie sein Name es vermuten ließ, blickte über den Rand seiner Brille. “Sie sind die längste Zeit Bibliothekarin an dieser Universität gewesen, Miss Wheeler. Betrachten Sie sich offiziell als entlassen.”
    “Aber …” Ally liebte ihre Arbeit, sie liebte die herrlichen alten Bücher, den Geruch nach vergilbtem Papier, die Freude, den Studenten dabei zu helfen, sich all dieses wertvolle Wissen anzueignen. Und sie liebte die Stille.
    “Wir geben Ihnen eine Abfindung für zwei Wochen”, sagte der Professor. “Wenn man den Skandal bedenkt, ist das mehr als generös.”
    Ach ja, der Skandal. Nicht dass man ihr erlaubt hätte, ihn auch nur einen Moment zu vergessen. Es war nicht ihr Fehler gewesen. Sie kämpfte tapfer gegen die aufsteigenden Tränen an. Ihre Träume und Hoffnungen waren für immer verloren.
    Der Professor stieß einen gereizten Seufzer aus und reichte ihr abrupt ein Taschentuch. “Versetzen Sie sich in unsere Lage”, sagte er ein wenig weicher. “Wir können Sie nicht hier behalten.”
    Es war kaum zu glauben, dass die kleine Miss Tugendhaft in solche Schwierigkeiten geraten konnte. Sie hatte sogar zur Polizeistation von San Francisco gehen müssen, wo man sie verhört hatte – eine Erfahrung, die ihr sicherlich für den Rest ihres Lebens Albträume bescheren würde. Und welche Ironie war das doch, da sie sich in den fast sechsundzwanzig Jahren ihres Lebens nicht das Geringste hatte zuschulden kommen lassen.
    “Aber Thomas hat die Bücher doch gestohlen”, sagte sie jetzt mindestens zum hundertsten Mal.
    “Es waren Erstausgaben literarischer Klassiker von unschätzbarem Wert, die sich seit Jahrzehnten im Besitz unserer Universität befanden, Miss Wheeler. Ihr Freund hat Ihren Spezialausweis benutzt, um sie zu stehlen.”
    Aber was sollte sie ohne ihre Arbeit tun? Ihr Herz hing an diesen Wänden, denn hier war sie nicht die mäuschenhafte Ally, hier war sie wichtig.
    “Unser Entschluss ist unwiderruflich.”
    Sie würde nicht betteln. Obwohl ihr Magen sich krampfhaft zusammenzog, hob sie stolz das Kinn und verließ zum letzten Mal ihre geliebte Bibliothek. Sie ging am Biologiegebäude vorbei, am Institut für Sozialwissenschaften und dem Studentenheim, bevor sie auf den Park zuhielt, ihrem zweitliebsten Ort. Hier stellte sie jeden Morgen ihr Auto ab, und abends entspannte sie sich, indem sie hier die Eichhörnchen fütterte.
    Entlassen. Dieses Wort hallte unbarmherzig in ihrem Kopf wider. Na schön, man hatte sie gezwungen, den schönsten Job aufzugeben, den sie je gehabt hatte. Aber irgendwie würde sie es überleben. Das musste sie.
    Wo war eigentlich ihr Wagen? Sie sah verwirrt nach rechts und links. Oh nein! Wenn sie geglaubt hatte, dass ihre Situation nicht schlimmer werden konnte, hatte sie sich geirrt.
    Ihr fünfzehn Jahre alter tomatenroter Ford Escort, voller Temperament und Widerspenstigkeit zu seiner besten Zeit, war nicht mehr dort, wo sie ihn abgestellt hatte. Er war den kleinen Hügel hinuntergerollt und gegen einen schicken, brandneuen BMW gekracht.
    Ihr Anrufbeantworter ging an, gerade als Ally erschöpft zu Hause ankam.
    “Ally?”, hörte sie eine quengelige, rauchige Stimme. “Ich weiß, dass Sie da sind, nehmen Sie sofort den Hörer ab!”
    “Da kannst du lange warten, alte Hexe”, murmelte Ally und war froh, Mrs. Snipps, ihre Vermieterin, verpasst zu haben.
    “Hören Sie, Mädchen, ich habe das Haus verkauft.”
    Ally ließ ihre Handtasche fallen und starrte das Telefon entgeistert an.
    “Ich ziehe mich auf die Bahamas zurück.”
    Ally sank auf das Sofa.
    “Und Sie haben bis zum Ende des nächsten Monats Zeit auszuziehen”, fuhr die raue Stimme fort. “Das sind sechs Wochen. Machen Sie mir keinen Ärger, Mädchen.”
    Als sie auflegte, sagte Ally leise: “Ärger? Ein Synonym für mein Leben.” Sie war arbeitslos und bald ohne Obdach, ganz zu schweigen von der Delle im funkelnagelneuen BMW.
    Ihr Leben war nicht nur vorbei, es war mitleiderregend erbärmlich.
    Es klingelte wieder.
    Was kommt jetzt?, dachte sie. Himmel, sie war es leid, bei jedem Anruf erschrocken zusammenzufahren und immer die unsichere, mäuschenhafte Ally zu sein. Plötzlich stieg heiße

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