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Niemand, Den Du Kennst

Titel: Niemand, Den Du Kennst
Autoren: Michelle Richmond
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1
    ALS ICH IHN ENDLICH FAND, hatte ich die Suche längst aufgegeben. Es war Nacht und ich aß allein in einem kleinen Café in Diriomo in Nicaragua. Das Lokal war mir im Laufe meiner jährlichen Aufenthalte in dem Dorf lieb und teuer geworden, zu jeder Tages- und Nachtzeit konnte man dort einen Teller Bohnen und eine Tasse Kaffee bekommen.
    Ich hatte den Abend damit verbracht, durch die dunklen, menschenleeren Straßen zu wandern. Julitage in Diriomo waren brütend heiß; mit Einbruch der Dunkelheit strahlten die Gebäude die tagsüber gesammelte Hitze ab, sodass die Luft einen verbrannten, staubigen Geruch annahm. Schließlich gelangte ich an die vertraute Kreuzung. Links ging es zu meinem Hotel mit dem harten Bett und dem wenig hilfreichen Deckenventilator. Geradeaus lag ein Baseballfeld, auf dem ich einmal ein Kind aus dem Ort dabei beobachtet hatte, wie es eine Ratte mit einem alten Holzschläger totschlug. Rechts führte eine breite Straße ab, die wiederum in eine gewundene Gasse überging, an deren Ende das Café lockte.
    Wenige Minuten später stand ich vor der Tür und zog an der kleinen Kupferglocke. Maria erschien in einem langen blauen Rock, weißer Bluse und ohne Schuhe, sie wirkte, als hätte sie mich erwartet.

    »Habe ich Sie geweckt?«
    »Nein«, sagte sie. »Willkommen.«
    Das war ein Begrüßungsritual zwischen uns. Ich kam nie dahinter, ob Maria in solchen Nächten eigentlich schlief oder ob sie geduldig in ihrer Küche saß und auf Gäste wartete.
    »Was gibt es heute?«, fragte ich. Das war ebenfalls ein Ritual, denn wir beide wussten, dass die Speisekarte sich nie änderte, gleich welche Uhr- oder Jahreszeit es war.
    » Nacatamales «, sagte sie. » Está usted sola ?«
    » Sí, señora , ich bin allein.« Meine Antwort blieb, ebenso wie die Speisekarte, seit Jahren unverändert. Und doch stellte sie die Frage jedes Mal, mit einer unverhüllten Hoffnung, dass sich eines Tages das Blatt für mich wenden würde.
    Das Café war leer und dunkel, trotz der Hitze draußen beinahe kühl. Sie deutete auf einen kleinen Tisch, auf dem eine Kerze in einem Glas brannte. Ich dankte ihr und setzte mich. In der Küche, die vom Essraum durch einen schmalen, mit rotem Stoff verhängten Durchgang getrennt war, hörte ich sie den Kaffee zubereiten. Ich betrachtete die Muster, die das Kerzenlicht auf die gegenüberliegende Wand zeichnete. Die Bilder schienen mir zu schön und symmetrisch, um zufällig zu sein - ein Vogel, ein Segelboot, ein Stern, gefolgt von einer Reihe rechteckiger Lichtbalken. Es löste ein Gefühl in mir aus, das ich oft in diesem Dorf hatte, und war einer der Gründe, weshalb ich immer wieder hierherkam, wenn mein Beruf als Kaffeeeinkäuferin mich nach Nicaragua führte - das Gefühl, dass selbst die einfachsten natürlichen Vorgänge bestimmten Regeln gehorchten, als herrschte eine namenlose Ordnung über das Belebte wie auch das Unbelebte. So empfand ich selten zu Hause in San Francisco. Kein Wunder, dass die Einheimischen von Diriomo als dem pueblo brujo sprachen - dem verhexten Dorf.

    Maria hatte gerade den Teller vor mir auf dem Tisch abgestellt, als die Glocke draußen ertönte. In all den Jahren, seit ich zwischen den Porzellanpuppen und fleischfressenden Pflanzen in Marias Café meine mitternächtlichen Mahlzeiten einnahm, war ich kaum je einem anderen Gast begegnet.
    Maria ging zur Tür und öffnete sie einen Spalt. Einen kurzen Moment lang wurde mein Tisch von Mondlicht überflutet.
    » Buenas noches, Maria «, sagte eine männliche Stimme.
    » Buenas noches .«
    Die Tür wurde wieder geschlossen und der Raum erneut in fast völlige Dunkelheit getaucht.
    Der Mann ging an meinem Tisch vorüber. Sein Gesicht war abgewandt, aber im schwachen Licht aus der Küche bemerkte ich, dass er, wie sehr große Männer es häufig tun, die Schultern nach vorn fallen ließ, wie um sich dafür zu entschuldigen, so viel Raum einzunehmen. Er trug eine Baseballkappe, die er tief in die Stirn gezogen hatte. Unter einem Arm klemmte ein Buch. Er ging zu einem Tisch in der Ecke, dem von meinem am weitesten entfernten. Als er sich hinsetzte, mit dem Rücken zu mir, ächzte der Holzstuhl so heftig, dass ich befürchtete, er könnte zerbrechen.
    Maria holte ein Streichholz aus ihrer Schürzentasche, riss es an der Wand an und hielt die Flamme in ein dunkelrotes Glas auf dem Tisch des Mannes. Erst als sie sich wieder in die Küche zurückgezogen hatte, um seinen Kaffee zu holen, drehte er sich um und warf mir

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