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Niemand

Niemand

Titel: Niemand
Autoren: Nicole Rensmann
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Prolog

    Kein Mensch hatte diesen Ort jemals betreten.
    Das Niemandsland.
    Quelle der Fantasie.
    Hier wurden Worte erfunden, Träume gesponnen und Lügen gestrickt, Sprüche geklopft, Zitate gestanzt, Weisheiten geformt und Ideen geboren. Falls all diese zungenfertigen Schöpfungen nicht an einem frühzeitigen Tod aufgrund ihrer Nutzlosigkeit starben, pustete das Himmlische Kind sie bei Südwind über die Grenzen hinaus, wo die Menschen gierig über sie herfielen. Natürlich behaupteten sie, es seien ihre geistigen Ergüsse. Sie wussten es nicht besser. Und es war gut, dass sie nicht ahnten, woher ihre Ideen stammten, die der Wind ihnen ins Ohr setzte. Sie hätten einen unter Strom stehenden, zehn Meter hohen Metallzaun rund um das Niemandsland gebaut, Plakate mit anglizistischen, großkotzigen Plattitüden gedruckt und damit zahlreiche Besucher angelockt. Nicht zu vergessen den überhöhten Eintritt, den sie für ihre erfundene Attraktion verlangt und von dem sie Süßigkeiten und Currywurst eingekauft hätten, nur um sie für das Fünffache an die Besucher weiterzuverkaufen.
    Der Kreislauf der Vermarktung.
    Das wäre dramatisch für das Niemandsland. Darum hatte der Vater des Herrschers Befehl gegeben, dass des Nachts die Statuen und Nachtwandler Patrouille laufen und das Niemandsland vor Eindringlingen bewahren mussten. Am Tag sorgten die Laberköppe dafür, dass kein Unbekannter die Grenzen überschritt. Sie sangen so schaurig, dass jeder, der dem Niemandsland zu nah kam, freiwillig den Rückzug antrat. Bisher hatten diese Maßnahmen Früchte getragen und bodendeckende Beeren mannigfacher Art an der Grenze wachsen lassen. Nur einmal hatte es ein Fuchs gewagt, über den Wall zu treten. Die Nachteulen hatten ihn aus dem Niemandsland verjagt. Das arme Tier hatte erschrocken aufgejault und war noch Tage später mit eingekniffenem Schwanz und angelegten Ohren durch den angrenzenden Wald geschlichen. Seitdem hatte es keine Vorkommnisse dieser Art mehr gegeben.
    Mit der Zeit ignorierten die Nachtwandler den Befehl vom Vater des Herrschers und trafen sich an der hohlen Eiche mit dem Kopflosen Reiter und dem Schwarzen Mann zum Karten spielen. Jede zweite Nacht bestand der Kopflose Reiter darauf, Doppelkopf zu klopfen, denn er war davon überzeugt, dass es einen Kopf zu gewinnen gab. Die Nachtwandler hatten monatelang versucht ihm vom Gegenteil zu überzeugen und es schließlich aufgegeben. Der Kopflose Reiter besaß ein gutes Herz, aber nur einen Hauch von Intelligenz.
    In den verbliebenen Nächten spielten sie Schwarzer Peter. Ein bösartiges Spiel, das stets im Desaster endete. Der Schwarze Mann zog immer die Arschkarte und musste sich diesem einen letzten Befehl beugen. Er sollte den Herrscher bis zum Morgengrauen durch das Niemandsland jagen. Erst wenn die aufgehende Sonne den Schwarzen Mann wieder in eine Statue verwandelte, endete dessen Albtraum. Der Schwarze Mann entschuldigte sich in der darauffolgenden Nacht, aber seiner Bestimmung wusste er sich nicht zu widersetzen.
    Der Herrscher des Vaters wollte seinem Sohn mit diesem Befehl Respekt einflößen. Völliger Quatsch! Er war ein garstiges Wesen ohne positive Gefühle, ernährte sich von Zorn und wuchs mit der Habgier. Wenn er wüsste, dass nur noch wenige seiner Befehle ausgeführt würden, wäre seine Wut drakonischer Art. Auch die Laberköppe nahmen ihre Rolle als Wächter nicht mehr ernst und stritten lieber miteinander:
    »Hab ich dir schon erzählt, dass sich gestern Frau Butterflügelchen auf mir ausgeruht hat?«, flötete der linke Laberkopp, ein in dunkelblaue Tinte getauchter, beinloser Soldat. »Über eine Stunde lang.«
    Sein Zwillingsbruder, der rechte Laberkopp, entgegnete: »Nein!? Ist ja unglaublich!«, und triumphierte: »Heute Morgen haben bei mir fünf Glückskäfergeschwister gesessen. Den gesamten Vormittag.« Er verschränkte die kurzen Arme vor der Brust, reckte die Nase in die Höhe und fühlte sich siegesgewiss, bei den Glücksgeflügelten beliebter zu sein.
    »Du hast dir vorher Honig auf die Brust geschmiert. Das habe ich gesehen.«
    »Woher soll ich den denn gehabt haben?« Und schon begann ihr Streit, der – wie so oft – den Tag über andauerte.
    Die Niemandsländer ignorierten die Zwiegespräche der beiden. Genauso wie des Teufels Geschrei, wenn der sich selbst scherte. Dann bebte der Boden für Stunden so stark, dass die Bewohner noch lange nach dem teuflischen Wutausbruch vibrierten. Aber das kam nur alle paar Monate einmal

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