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Niedertracht. Alpenkrimi

Niedertracht. Alpenkrimi

Titel: Niedertracht. Alpenkrimi
Autoren: Jörg Maurer
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großer Höhe, Angebote des Teufels, den Pakt zu unterzeichnen – und, und, und. Doch Johnny Winterholler hatte nicht viele Freunde, denen er seine Abenteuer erzählen konnte. Wortkarg war er, er hatte lediglich gelernt, mit dem Berg zu sprechen, Winterholler war ein
homo alpinus
. Er war ein mittelgroßer, geschmeidiger Mann mit kurz geschnittenen Haaren und einem zerfurchten, wettergegerbten Gesicht, das ein heruntergefallener Granitbrocken mit einem ehrenvollen Schmiss gezeichnet hatte. Mitte dreißig war er erst, aber ein Viertel seines rechten Ohres fehlte ihm schon, das wiederum hatte ihm eine heimtückische rätoromanische Eisbrockenlawine in der Silvretta abgerissen, als kleine Warnung, sich dem Piz Buin sorgsamer zu nähern und ihn beim Beklettern nicht mit diversen oberbayrischen Schimpfworten zu belegen. Der Berg ruft nicht nur, er hört auch.
     
    Johnny Winterholler kletterte heute nicht nur zu seinem Vergnügen, er hatte einen Job zu erledigen, einen seltsamen Job sicherlich, vielleicht sogar einen nicht ganz koscheren, er wusste es nicht so genau – aber er brauchte das Geld. Denn so meisterlich er sich hier oben am Berg anstellte, so geschickt er sämtliche vertikalen Schwierigkeitsgrade durchkraxelte, so erfolglos war er unten im Tal bei den horizontalen Wegschleifen des alltäglichen Lebens. Er hatte nichts gelernt außer Bergsteigen, und wenn man nicht gerade Reinhold Messner oder Luis Trenker hieß, konnte man davon nicht leben. Und er hatte riesige Schulden angehäuft. Also hatte er diesen sonderbaren Job angenommen. Biologische Forschungen, hatte es geheißen. Geheime, komplizierte, für einen Laien schwer zu erklärende Forschungen, alpin-zoologische Experimente. Barzahlung, hatte es weiterhin geheißen, zwar nichts Illegales, keine Angst, alles im Rahmen der Gesetze, aber Barzahlung auf den Küchentisch, nach jeder Tour. Das war Johnny Winterholler gerade recht gekommen, so eine Barzahlung auf den Küchentisch.
     
    »Sie sind Bergsteiger. Man hat Sie uns empfohlen«, hatte der drahtige Mann mit den scheinbar ziellos von Punkt zu Punkt springenden Augen gesagt, der eines Tages zu ihm gekommen war. »Wir hätten da einen gut bezahlten Job für Sie.«
    »Wer ist
wir

    »Das macht den Job so gut bezahlt, dass das
wir
im Hintergrund bleibt.«
    »Ich mache nichts Illegales.«
    »Ich versichere Ihnen, dass es nichts Illegales ist. Sie müssen weder Waffen über die grüne Grenze nach Österreich schmuggeln noch Spenderherzen aus amerikanischen Touristenbrüsten reißen.«
    »Und was müsste ich tun, wenn ich den Job annehme?«, fragte Winterholler.
    »Wandern und Klettern.«
    »Wie bitte? Sonst nichts?«
    »Sonst nichts. Sie klettern in den nächsten Wochen ein paar Routen mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden ab. Wir geben die Routen vor. Sie reden mit niemandem drüber. Wenn Sie heimkommen, liegen die Lappen auf diesem Küchentisch.«
    Der Fremde, bei dem der österreichische Akzent gewaltig durchblitzte, klopfte mit der Hand auf den billigen Plastiktisch, der in Winterhollers Küche stand.
    »Und ich sage es Ihnen gleich: Wenn Sie in der Gegend herumplaudern, was Sie seit Neuestem für einen Job haben, liegt nichts mehr da.«
    »Und ich muss nur klettern? Was soll das für einen Sinn –«
    Der Fremde zog die Augenbrauen hoch.
    »Ich verstehe. Was bekomme ich pro Tour?«
    Der Fremde nannte einen Betrag. Johnny Winterholler schluckte. Das war ein Betrag, bei dem seine Schulden schmelzen würden wie Gletschereis. Das war ein Betrag, mit dem er sich seinen Lebenstraum erfüllen könnte, nämlich den, an einer Extremtour im Himalaya teilzunehmen. Johnny Winterholler konnte einfach nicht ablehnen. Seitdem blieb die Hintertür seines kleinen Holzhäuschens unverschlossen.
     
    Er hatte den Mann seitdem nicht wiedergesehen. Die erste Tour war ein Spaziergang auf den Kramer gewesen, eine lächerlich leichte Tour, so etwas wie der Schäferzug für den Schachspieler. Oder Rühreier für den Sternekoch. Der Schwierigkeitsgrad hatte sich von Auftrag zu Auftrag gesteigert, jetzt hing er schon zum zehnten Mal in einer Wand. Der Himalaya rückte näher. Immer, wenn er heimgekommen war, hatte Geld auf dem Küchentisch gelegen, schönes dickes, farbiges Geld, das er nicht an irgendwelche Finanzämter, Banken oder gar Wucherer abgeben musste. Ja, auch bei Letzteren hatte er Schulden. Denn sein Vertrauen in einen freundlichen, rasierwassergetränkten Bankberater war grenzenlos gewesen, er hatte dessen

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