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Nicht so stuermisch Hannah

Nicht so stuermisch Hannah

Titel: Nicht so stuermisch Hannah
Autoren: Donna Clayton
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PROLOG
    „Was heißt das, ich soll allein nach Little Haven fahren?"
    Hannah Cavanaugh starrte ihre Mutter, die an ihrem massiven Teakholzschreibtisch saß, an. Sie schien mit einem Dutzend verschiedener Arbeiten zu beschäftigt, so dass sie dem aktuellen Thema keine rechte Aufmerksamkeit widmen konnte. Aber das kannte Hannah schon.
    „Nun, ich kann jedenfalls nicht fahren", antwortete Hillary Cavanaugh, ohne sich die Mühe zu machen, ihre Tochter anzublicken. „Du weißt, wie beschäftigt ich bin. Wenn ich eine Vernissage, ein Fernsehinterview oder auch nur einen albernen Foto-Termin versäume, nehmen meine Kunden das ganz schnell zum Anlass, sich von ihrer Werbemanagerin zu trennen. Ich muss immer präsent sein und ihnen alle Unannehmlichkeiten aus dem Weg räumen."
    Für jeden anderen hätte der klagende Unterton, der Hillarys Worte begleitete, perfekt ein Leiden zum Ausdruck gebracht, durch das man die Sympathie des Zuhörers gewinnt.
    Hannah hörte diesen leeren, von ihrer Mutter häufig gebrauchten Ton sehr wohl, reagierte jedoch nicht.
    „In dieser Branche gibt es eben keine Nebensaison."
    Wie viele Male hatte Hannah diese Bemerkung schon gehört? Wie viele Male hatte ihre Mutter diese Entschuldigung in den vergangenen Jahren als Alibi benutzt, um allen wichtigen Ereignissen in Hannahs Leben fernzubleiben?
    Stopp, ermahnte sich Hannah, Mutter arbeitet hart. Die Menschen, für die sie arbeitet, liegen ihr am Herzen. Ihr liegt etwas an dir, und sie hat dir ihr Bestes gegeben.
    Und dann fiel ihr außerdem ein, dass Hillary immerhin der Elternteil war, der sie hatte haben wollen.
    Ein längeres Schweigen folgte, und Hannah hatte Mühe, einen tiefen Seufzer zu unterdrücken. „Aber Mutter, dein Ehemann ist gestorben", versuchte sie es schließlich noch einmal. „Meinst du nicht, du solltest hinfahren und ihm die letzte Ehre erweisen?"
    „Mein Exehemann", verbesserte Hillary Hannah mit Bestimmtheit. „Und keiner von uns beiden hat den Mann seit zwanzig Jahren gesehen. Außerdem ist er schon beinahe einen Monat tot. Ich bin sicher, die Beisetzung hat bereits stattge funden. Es sei denn, die Hinterwäldler dieser kleinen Stadt pflegen ein Trauerritual, das sich über Wochen erstreckt." Sie blickte kurz auf. „Was mich allerdings kaum wundern würde", fügte sie arrogant hinzu.
    Der selbstgefällige Ton ihrer Mutter ärgerte Hannah. „Aber Mutter", begann Hannah,
    „wäre es nicht das Beste, wenn du ..."
    Der rügende Blick ihrer Mutter aus zusammengekniffenen Augen ließ Hannah verstummen.
    „Ich verlasse die Stadt auf keinen Fall. Ich habe Kunden, die mich brauchen." Hillary lächelte kühl. „Du wirst nicht viel Zeit brauchen, um die Angelegenheiten deines Vaters zu ordnen. Ehe du dich versiehst, bist du wieder im Krankenhaus und kämpfst um deine Beförderung in deiner Krankenschwestern-Karriere. Das ist es doch, was du willst, oder?"
    Hannah war erstaunt. Ihre Mutter zeigte sich heute erstaunlich verständnisvoll.
    Meistens klang Hillarys Stimme viel spöttischer, sobald das Thema auf Hannahs Karriere kam. Aber heute war es anders. Vermutlich liegt das daran, überlegte Hannah, dass Mutter etwas von mir will. Nicht, dass Hillary ihre Tochter tatsächlich um einen Gefallen gebeten hätte - keine Spur. Aber das war von ihrer Mutter ohnehin niemals zu erwarten.
    Hannah kam zu dem Schluss, dass diese Reise offensichtlich nicht zu umgehen war. „In Ordnung", räumte sie ein. „Dann muss ich rasch alles Notwendige in die Wege leiten.
    Diese Be förderung bedeutet mir sehr viel. Ich kann mir auf keinen Fall erlauben, länger als eine Woche - höchstens zwei - fort zu sein."
    „Es wird sicher nicht so lange dauern, das Mobiliar zu verkaufen, das sich noch in dem Haus befindet", meinte Hillary gelassen. „Nimm Verbindung zu einem Auktionator auf. Selbst in einem solchen Kaff wie da unten muss es Nachlassversteigerungen geben.
    Und anschließend überlässt du das
    Haus einfach einem Immobilienmakler. Du brauchst nicht in Little Haven zu bleiben, bis sich ein Käufer findet."
    Plötzlich wurde Hannah nachdenklich. Eine Frage, die ihr auf der Zunge brannte, musste noch gestellt werden. Auch wenn sie nicht gerade erpicht darauf war, das unerwünschte Thema anzusprechen.
    Genau zwei Male in ihrem Leben hatte Hannah dieses Tabuthema angesprochen. Das erste Mal, als sie noch sehr jung war, ungefähr zehn Jahre alt, wenn ihre Erinnerung sie nicht täuschte. Damals hatte ihre Mutter die Frage absichtlich

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