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Nibelungen 05 - Das Runenschwert

Titel: Nibelungen 05 - Das Runenschwert
Autoren: Jörg Kastner
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Prolog  
     
    ie Nacht der Rache, die Nacht der Zerstörung war gekommen…
    Die stolze Königsstadt streckte sich unter einem finsteren, Sternenlosen Himmel am Ufer des Rheins aus, und auch das Stift lag in Dunkelheit und Ruhe. Die Mönche hatten ihr Nachtgebet schon vor Stunden gesprochen und sich zur Ruhe begeben. Bis zur Mette, dem Nachtgottesdienst, blieb den frommen Brüdern noch über eine Stunde Schlaf – so glaubten sie.
    Fromme Brüder?
    »Verfluchtes Christengezücht!« flüsterte fast unhörbar, aber mit vor Ingrimm bebenden Lippen die dunkle Gestalt, die an der kalten Außenmauer des Dormitoriums lehnte. Große, kräftige Hände verkrallten sich im groben Stein, als wollten sie die starke Mauer durchbrechen. Die Finger kratzten haßerfüllt über die Fugen, und in winzigen Stücken rieselte der alte, ausgetrocknete Mörtel zu Boden.
    Dicht über dem kapuzenverhüllten Kopf des Rächers gähnte eins der scheibenlosen Fenster, die in regelmäßigen Abständen die Wand des Schlafsaals durchbrachen. Er hörte den vielfachen Atem der schlummernden Mönche, ihr zufriedenes Schnarchen, dann auch im Schlaf hervorgebrachtes Gemurmel, das wie Latein klang – wie ein Gebet!
    Die Worte schmerzten in seinen Ohren, ekelten ihn an wie der widerliche Geruch von Weihrauch, der in seine Nase stach und den er im Mund fühlte wie den bitteren Geschmack verdorbenen Gerstenbiers.
    Voller Haß auf den Geschmack, den Geruch, die Gebete, die Mönche und das große Gebäude ihres Stifts stieß sich der Rächer von der Mauer ab und schlich zu dem niedrigen Anbau der Vorratskammer, die das Dormitorium mit dem Speisesaal verband. Das Dach der Kammer war im Gegensatz zu den anderen Gebäuden nicht abgeschrägt, sondern lag flach hinter niedriger Brüstung, etwa in doppelter Manneshöhe. Wieder griffen die Hände des Rächers in die Mörtelrillen, dann auch die Füße, die in dunklen Lederstiefeln steckten. Geschickt wie eine Eidechse erkletterte die Gestalt die Mauer, packte schließlich über die Steinbrüstung und schwang sich ohne große Mühe aufs Dach.
    Zufrieden über den gelungenen ersten Teil seines Unternehmens starrte er auf den Klosterhof mit dem gepflegten Garten hinab. Der fahle, kaum wahrnehmbare Schein des hinter den Wolken verborgenen Vollmonds genügte dem Rächer. Seine Augen waren wie die einer Raubkatze oder eines Waldkauzes: Er war ein Jäger der Nacht.
    Die Fensteröffnungen des rundum führenden Kreuzgangs waren genauso dunkel wie alle anderen im Monasterium. Das Stift lag unter dem düsteren Nachthimmel und wartete auf seinen Untergang – ahnungslos und wehrlos.
    Der Rächer löste das Seil, das er um seine Hüften gebunden hatte. Geschickt knotete er ein Ende um eine der niedrigen Zinnen, die das Flachdach umgaben. Das andere Ende ließ er in den Klosterhof fallen und kletterte, schnell und leise, hinab.
    Der Hof lag so still und leer, wie es vom Dach aus den Anschein gehabt hatte. Der Rächer warf nur einen kurzen Blick hinüber zur Kirche mit dem hohen Glockenturm, der die Welt der Menschen mit dem Reich des verhaßten Gottes verbinden sollte. Beim Gedanken an diesen Gott spie der Rächer verächtlich aus.
    Er lief zu den Stallungen, quer über den Hof. Es war Zeitverschwendung, sich im Schatten der Gebäude und Bäume zu halten, so dunkel und so verlassen, wie es hier war.
    Als er zu einer Gruppe hochwuchernder Holundersträucher kam, erkannte er seinen Irrtum, seinen verfluchten Leichtsinn, geboren aus dem brennenden Verlangen nach Rache. Das leise Knacken von Zweigen in seinem Rücken warnte ihn. Er blieb stehen und fuhr herum.
    Zwischen den Sträuchern stand eine Gestalt derart im Schatten, daß selbst die an Finsternis gewöhnten Augen des Rächers sie nicht zu erkennen vermochten.
    »Wer bist du, Bruder?« fragte eine rauhe Stimme.
    Ein Mönch! schoß es dem Rächer bei der Anrede »Bruder« durch den Kopf. Aber warum schlief der verwünschte Pfaffe nicht?
    Der Rächer trat langsam auf die Holundersträucher zu, während seine Rechte nach der Lederscheide an seiner Hüfte tastete.
    »Gib dich zu erkennen, Bruder!« verlangte der Mann im Schatten des Holunders.
    »Warum nennst nicht zuerst du deinen Namen?« erwiderte der Rächer.
    »Weil ich annehme, als Propst dieses Klosters über dir zu stehen, Bruder.«
    Der Propst also!
    Da erkannte der Rächer auch schon die hagere Gestalt und das längliche, jetzt verwirrt und verärgert wirkende Gesicht von Bruder Donatus. Was immer der hochgestellte

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