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Nathaniels Seele

Titel: Nathaniels Seele
Autoren: Britta Strauß
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S
ein Geist war wie der See. Nebel trieb darüber hinweg und verhüllte ihn für die Blicke der Menschen. Darunter lag eine unauslotbare, schwarze Tiefe. Wer unvorsichtig war, ertrank darin. Wurde hinabgezogen. Bis aller Atem verdorrt und dem Blut alles Leben entzogen war.
    Nathaniel saß im Sessel auf der Veranda und umklammerte das Weinglas als sei es ein Rettungsanker. Sein Herz hämmerte. Konzentriert lauschte er auf das Geräusch des Wassers, das unter der Veranda an die verwitterten, algenüberwucherten Pfosten schwappte. Er hoffte, dass ihn dieses Geräusch beruhigen würde. Doch diese Hoffnung wurde nicht erhört.
    Zornig nahm er einen Schluck Traubensaft, während er mit zitternden Fingern den Talisman um seinen Hals befühlte, als könne er daraus Kraft ziehen. Der süße Geschmack des Saftes war unbefriedigend, doch hätte er echten Wein getrunken, wäre es in ein Spiel mit dem Feuer ausgeartet. In guten Zeiten konnte er sich solche Leichtsinnigkeiten erlauben, doch diese Zeiten waren vorbei. Sein Körper kochte. Obwohl der Abend kühl geworden war, hatte er das Gefühl, von innen verbrannt zu werden. Sein Blut schien sich in Lava zu verwandeln, der Schlag seines Herzens wurde schneller, immer schneller. Der Wille, zu kämpfen, manifestierte sich, geschürt durch die niemals gestorbene Leidenschaft des Kriegers, dessen Namen er vor langer Zeit abgelegt hatte.
    Er zog das Hemd aus und warf es zu Boden. Wind strich über seine nackte Haut und kühlte den Schweiß. Doch er machte es nicht besser. Diesmal würde ihm nichts Linderung verschaffen. Gar nichts. Er konnte es nur ertragen. Es eine Weile unter Kontrolle halten und schließlich, ebenso hilflos wie genüsslich, das Unvermeidliche hinauslassen. Jagen, verfolgen, töten. Feuer und Blut. Schmerz und Tod.
    Neben ihm erklang ein Winseln. Keinen Atemzug später legte sich eine haarige Schnauze auf seinen Oberschenkel.
    „Geh, Chinook. Du kannst mir auch nicht helfen. Los, geh.“
    Der Hund dachte nicht daran, zu gehorchen. Nathaniel ließ seine Finger durch den Pelz des Tieres gleiten. Es war pechschwarz und durchzogen von silbergrauen Strähnen. Weil das Grau nur die Haarspitzen färbte, sah es aus, als hätte jemand den Hund mit Händen voller Creme gestreichelt. Chinooks Fell vermittelte etwas Beruhigendes, was nur einer der Gründe war, den zugelaufenen Hund zu behalten. Inzwischen bedeutete ihm das Tier mehr als jeder Mensch. Ohne Chinook hätte er keinen Halt mehr im wilden Strudel seines Lebens.
    „Hau kola“, murmelte er. „Mani wastete yo.“
    Ob dieser vertrauten Worte hob das Tier aufmerksam den Kopf. So viel Wissen lag in seinem Blick, dass Nathaniel schauderte. Zweifellos spürte das Tier, wie es ihm ging. Besser als jeder andere wusste es, was in ihm ruhte. Wer er war. Was er war. Sorge schien Chinooks Blick zu erfüllen. Vielleicht auch ein Hauch von Vorwurf.
    „Los, verschwinde“, herrschte er ihn an. „Geh in den Wald. Ich komme nach.“
    Diesmal entschied sich der Hund, seinen Worten Folge zu leisten. Als er verschwunden war, lehnte Nathaniel sich zurück und beobachtete, wie die Nacht über den See herabsank. Eine Eule rief am nahen Waldrand, während der Himmel sein von der Hitze des Tages ausgebleichtes Blau ablegte und die Farbe von Lapislazuli annahm. Als die Erinnerungen Nathaniel einholten, stieg der Mond über die Wipfel der Tannen und goss sein Licht über das stille Wasser.
    Kläglich versuchte er, sich der Bilder zu erwehren. Dieser Kampf war seit eh und je vergebens. Eine Gestalt stand ihm plötzlich deutlich vor Augen. Die magere, in ein schmuckloses Wildlederkleid gehüllte Gestalt einer uralten Frau. Sie stand am anderen Ufer des Baches und musterte ihn aus trüben Totenaugen. Er hörte ihre Stimme, jene Worte säuselnd, die er niemals vergessen würde. Nicht einmal, wenn die Ewigkeit verstrichen war und er alles sonst vergessen hatte.
    Du kennst dein Schicksal nicht. Aber ich kenne es. Komm mit mir, wenn du es annehmen willst
.
    Nathaniel fragte sich, warum er ihr an jenem Abend vor einhundertachtundvierzig Jahren entgegen aller Vernunft gefolgt war, obwohl sein Instinkt so deutlich Vorsicht verlangt hatte. Aber wäre er ihrem Lockruf nicht erlegen, wäre er heute tot. Meist war ihm dieser Gedanke zuwider, denn seine Leidenschaft war groß genug, um mehrere Leben zu füllen. Doch heute, da der Schmerz die Grenze des Erträglichen zu überschreiten gedachte, wünschte er, sein Leben hätte einen normalen Lauf genommen.

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