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Narziss und Goldmund

Titel: Narziss und Goldmund
Autoren: Hermann Hesse
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Mönch werden, Priester werden, Subprior und vielleicht Abt werden. Ich glaube dies nicht, weil ich es wünsche.
    Mein Wunsch geht nicht nach Ämtern. Aber sie werden mir auferlegt werden.«
    Lange schwiegen beide.
    »Warum hast du diesen Glauben?« fragte zögernd der Alte. »Welche Eigenschaft in dir, außer der Gelehrsamkeit, ist es wohl, die in diesem Glauben zu Wort kommt?«
    »Es ist die Eigenschaft«, sagte Narziß langsam, »daß ich ein Gefühl für die Art und Bestimmung der Menschen habe, nicht nur für meine eigene, auch für die der andern.
    Diese Eigenschaft zwingt mich, den andern dadurch zu dienen, daß ich sie beherrsche. Wäre ich nicht zum Klosterleben geboren, so würde ich Richter oder Staatsmann werden müssen.
    »Mag sein«, nickte der Abt. »Hast du deine Fähigkeit, Menschen und ihre Schicksale zu erkennen, an Beispielen erprobt?«
    »Ich habe sie erprobt.«
    »Bist du bereit, mir ein Beispiel zu nennen?«
    »Ich bin bereit.«
    »Gut. Da ich nicht in die Geheimnisse unserer Brüder ohne deren Wissen eindringen möchte, magst du mir vielleicht sagen, was du über mich, deinen Abt Daniel, zu wissen meinst.«
    Narziß hob seine Lider und blickte dem Abt in die Augen.
    »Ist es Euer Befehl, gnädiger Vater?«
    »Mein Befehl.«
    »Es fällt mir schwer, zu sprechen, Vater.«
    »Auch mir fällt es schwer, junger Bruder, dich zum Sprechen zu zwingen. Ich tue es dennoch. Sprich!«
    Narziß senkte den Kopf und sagte flüsternd: »Es ist wenig, was ich von Euch weiß, verehrter Vater. Ich weiß, daß Ihr ein Diener Gottes seid, dem es lieber wäre, Ziegen zu hüten oder in einer Einsiedelei das Glöckchen zu läuten und die Beichten der Bauern anzuhören, als ein großes Kloster zu regieren. Ich weiß, daß Ihr eine besondere Liebe zur heiligen Mutter Gottes habet und zu ihr am meisten betet. Ihr betet zuweilen darum, daß die griechischen und anderen Wissenschaften, die in diesem Kloster gepflegt werden, keine Verwirrung und Gefahr für die Seelen Eurer Anbefohlenen sein mögen. Ihr betet zuweilen, daß Euch gegen den Subprior Gregor die Geduld nicht verlasse. Ihr betet zuweilen um ein sanftes Ende. Und Ihr werdet, so glaube ich, erhört werden und ein sanftes Ende haben.«
    Still war es in dem kleinen Sprechzimmer des Abtes.
    Endlich sprach der Alte.
    »Du bist ein Schwärmer und hast Gesichte«, sagte der greise Herr freundlich. »Auch fromme und freundliche Gesichte können täuschen; verlaß dich nicht auf sie, wie auch ich mich nicht auf sie verlasse. – Kannst du sehen, Bruder Schwärmer, was ich über diese Sache im Herzen denke?«
    »Ich kann sehen, Vater, daß Ihr sehr freundlich darüber denket. Ihr denket das Folgende: ›Dieser junge Schüler ist ein wenig gefährdet, er hat Gesichte, er hat vielleicht zu viel meditiert. Ich könnte ihm vielleicht eine Buße auferlegen, sie wird ihm nicht schaden. Ich werde aber die Buße, die ich ihm auferlege, auch selbst auf mich nehmen.‹ – Dies ist es, was Ihr soeben denket.«
    Der Abt erhob sich. Lächelnd winkte er dem Novizen, sich zu verabschieden.
    »Es ist gut«, sagte er. »Nimm deine Gesichte nicht allzu ernst, junger Bruder; Gott fordert noch manches andere von uns, als Gesichte zu haben. Nehmen wir an, du habest einem alten Manne damit geschmeichelt, daß du ihm einen leichten Tod versprachst. Nehmen wir an, der alte Mann habe einen Augenblick lang diese Versprechung gern gehört. Es ist nun genug. Du sollst einen Rosenkranz beten, morgen nach der Frühmesse, du sollst ihn mit Demut und Hingabe beten und nicht obenhin, und ich werde dasselbe tun. Geh nun, Narziß, es ist genug geredet.«
    Ein andermal hatte der Abt Daniel zu schlichten zwischen dem jüngsten der lehrenden Patres und Narziß, die sich über einen Punkt im Lehrplan nicht einigen konnten: Narziß drang mit großem Eifer auf die Einführung gewisser Änderungen im Unterricht, wußte sie auch mit überzeugenden Gründen zu rechtfertigen; Pater Lorenz aber, aus einer Art von Eifersucht, wollte nicht darauf eingehen, und jeder neuen Besprechung folgten Tage eines verstimmten Schweigens und Schmollens, bis Narziß im Gefühl des Rechthabens nochmals mit der Sache anfing.
    Schließlich sagte Pater Lorenz, etwas gekränkt: »Nun, Narziß, wir wollen dem Streit ein Ende machen. Du weißt ja, daß die Entscheidung bei mir und nicht bei dir läge, du bist nicht mein Kollege, sondern mein Gehilfe und hast dich mir zu fügen. Aber da die Sache dir gar so wichtig scheint und da ich dir

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