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Nadelstiche

Nadelstiche

Titel: Nadelstiche
Autoren: Baden & Kenney
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    Sie haben da nichts verloren!
    Dr. Jake Rosen konnte förmlich die Stimme seines Chefs hören, während er auf Annabelle Fiore hinunterblickte. Die olivfarbene Haut der Opernsängerin war jetzt bleich, die Arme lagen steif neben dem Körper. Als Jake nach ihrem Handgelenk griff, flatterten ihre Augenlider. Die Lebenden gehen Sie nichts an.
    Das hätte Pederson gesagt, wenn er gewusst hätte, dass sich sein bester forensischer Pathologe im Krankenhaus St. Vincent befand und ein Opfer untersuchte, das überlebt hatte. Als stellvertretender Leiter der New Yorker Rechtsmedizin verbrachte Jake seine Arbeitszeit hauptsächlich an Tatorten oder in Obduktionssälen. Der Leiter der Rechtsmedizin, Charles Pederson, missbilligte nicht genehmigte Exkursionen.
    Behutsam drehte Jake Fiores rechten Arm so, dass er die Innenseite inspizieren konnte. Da. In der Ellbogenbeuge war ein winziger Einstich, wo die Nadel eingeführt worden war, um Blut abzunehmen. Er betrachtete ihn genau. Keine wiederholten Versuche, nicht mal ein nennenswerter Bluterguss um den Einstich herum.
    Den Ärzten der Notaufnahme, die Fiore am Vorabend behandelt hatten, war das wohl kaum aufgefallen. Sie hatten der Opernsängerin das Leben gerettet, indem sie ihre Verletzungen vom medizinischen Standpunkt aus beurteilten. Für sie war die Tatsache, dass um die Blutentnahmestelle kein Trauma aufgetreten war, etwas Gutes, da somit keine Behandlung erforderlich wurde und sie ihre ganze Aufmerksamkeit dem gefährdeten zentralen Nervensystem der Patientin widmen konnten. Für Jake hingegen war dieser winzige, makellose Einstich bedeutsam.
    Wer auch immer Fiore angegriffen hatte, er wusste, wie man Blut aus einer Vene abzapfte. Das war nicht die Arbeit eines Amateurs. Kein willkürlicher Gewaltakt.
    Sein Blick glitt über den gesamten Arm. In der Nähe des Handgelenks waren drei deutlich erkennbare Blutergüsse. Der Angreifer hatte ihren Arm gepackt und sie festgehalten, bis sie aufhörte, sich zu wehren. Genau wie bei den ersten vier Opfern.
    Jake hatte sie nicht selbst untersucht, war aber von Vito Pasquarelli, dem Detective, der die Ermittlungen leitete, informiert worden. Der erste Angriff hatte sich vor über einem Monat ereignet. Eine junge Mutter an der Upper West Side hatte am helllichten Tag auf ein Klopfen hin die Wohnungstür geöffnet. Und dann war sie aus einer durch Äther verursachten Bewusstlosigkeit wieder aufgewacht. Sie und die Polizei waren davon ausgegangen, dass der Angreifer sie ausrauben wollte. Nur dass aus ihrer Wohnung nichts entwendet worden war.
    Erst Stunden später hatte sie den kleinen Einstich in ihrer Armbeuge bemerkt. Die Polizei blieb gelassen. Schließlich war der Frau nichts weiter passiert. Es war sonderbar, aber sonderbare Dinge waren in New York nun mal an der Tagesordnung. Man nahm sie zu den Akten und kümmerte sich nicht weiter drum.
    Dann war es wieder passiert. Ein Lehrer in der Bronx, eine Investmentbankerin in Battery Park City, ein Tourist in Midtown. Keiner von ihnen ernsthaft verletzt, alle tief verstört. Da war es nicht gerade hilfreich, dass die Boulevardpresse irgendwann anfing, den Täter als den »Vampir« zu bezeichnen.
    Jake hielt zwar nichts von der sensationslüsternen Dramatik der Medien, aber er verstand die Ängste der Öffentlichkeit. New Yorker, die auf Bandenschießereien und Mordanschläge in der U-Bahn mit einem Achselzucken reagierten, ließen sich von einem Kerl mit einer Nadel in Angst und Schrecken versetzen. Er kannte das aus seiner medizinischen Ausbildung – kraftstrotzende Footballspieler, die stoisch einen Trümmerbruch ertrugen und dann aus den Latschen kippten, wenn die Krankenschwester kam, um ihnen eine Tetanusspritze zu geben; hartgesottene Gangster, die eine Messerstecherei überlebt hatten und anfingen zu wimmern, wenn sie wieder zusammengenäht werden sollten. Nadeln waren beängstigend.
    Und jetzt hatte der Vampir beinahe jemanden getötet, jemand Berühmten, aber nicht mit seiner Nadel, sondern mit einer Überdosis Äther. Jake zog ein Stethoskop aus der Tasche. Er hatte länger danach suchen müssen. Normalerweise hatte er für dieses Instrument praktisch keine Verwendung. Fiore bewegte sich ein wenig, während er ihr Herz abhörte. Der Puls war kräftig, aber langsam, wie nach einer Betäubung mit Äther nicht anders zu erwarten. Hier hinkte der Vampir-Vergleich. Die Vampire, die in Transsylvanien lebten und in schwarzen Capes herumflatterten, anästhesierten ihre Opfer

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