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Nachtflug

Nachtflug

Titel: Nachtflug
Autoren: Antoine de Saint-Exupéry
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Vorwort
    Es handelte sich für die Luftverkehrsgesellschaften darum, an Schnelligkeit mit den anderen Beförderungsmitteln zu wetteifern. »Das ist für uns«, sagt Riviere, prachtvolle Führergestalt, in diesem Buche, »eine Lebensfrage, weil wir den Vorsprung, den wir tagsüber vor den Eisenbahnen und Dampfern gewonnen haben, jede Nacht wieder verlieren.« Dieser Nachtdienst, anfangs heftig umstritten, dann zugelassen und schließlich nach Überwindung der ersten großen Schwierigkeiten allgemein durchgeführt, war zu der Zeit, in der diese Erzählung spielt, noch eine sehr gewagte Sache; denn zu all den unberechenbaren Gefahren, die jede Fluglinie umlauern, kam nun noch das Trügerische und Bedrohliche der Finsternis hinzu. Ich beeile mich festzustellen, daß diese Gefahr, so groß sie auch heute noch ist, sich von Tag zu Tag verringert; denn jede neue Fahrt trägt das Ihre dazu bei, die nächstfolgende müheloser und sicherer zu gestalten. Aber ebenso wie die Geschichte der Forschungsreisen hat auch die Geschichte der Luftfahrt Ihre heroische Erstlingsepoche, und dieser ›Nachtflug‹, der uns das tragische Abenteuer eines jener Pioniere der Luft schildert, klingt mit Fug und Recht wie ein Heldengedicht.
    Ich liebe das erste Buch von Saint-Exupery, aber dieses hier noch viel mehr. Im ›Südkurier‹ waren die mit packender Schärfe wiedergegebenen Erlebnisse des Fliegers verwoben mit einer Herzensgeschichte, die uns den Helden gefühlsmäßig nahebrachte, indem sie das Menschliche, Liebebedürftige, Verwundbare an ihm zeigte. Der Held des ›Nachtflugs‹ ist sicherlich auch nur ganz einfach ein Mensch, aber er wächst dennoch irgendwie ins unpersönlich Übermenschliche empor. Ich glaube, was mir so besonders an dieser leidenschaftlichen Erzählung gefällt, ist das Adelige an ihr. Die Schwächen, die Hilflosigkeit, das Versagen des Menschen sind uns genugsam bekannt, und die Literatur von heute versteht sich nur allzugut darauf, sie bloßzulegen; aber die Selbstüberwindungkraft eigener Willensanspannung, die tut uns besonders not, die soll man uns schildern.
    Bewundernswerter noch als die Gestalt des Fliegers erscheint mir die seines Vorgesetzten Riviere. Riviere handelt zwar nicht selbst, aber er treibt die anderen zum Handeln, zur Tat; er impft seinen Piloten seine eigene sittliche Kraft ein, er fordert das Höchste von ihnen, er zwingt sie zum Heldentum. Seine unnachgiebige Entschlossenheit duldet keine Schwäche, er straft unerbittlich das geringste Versagen. Seine Strenge könnte auf den ersten Blick unmenschlich und übertrieben erscheinen. Aber sie richtet sich nicht gegen die Menschen selber, die Riviere nur für seinen Zweck zurechtschmieden will, sondern gegen das Unvollkommene an sich. Man spürt in dieser Schilderung die ganze Bewunderung des Verfassers für diese Gestalt, und ich persönlich weiß ihm besonderen Dank dafür, daß er die paradoxe Wahrheit ins rechte Licht gerückt hat, die für mich von außerordentlicher psychologischer Bedeutung ist: daß das Glück des Menschen nicht in der Freiheit besteht, sondern in der Hingabe an eine Pflicht. Jeder einzelne in diesem Buch ist leidenschaftlich und ausschließlich dem hingegeben, was er tun muß, der gefahrvollen Aufgabe, deren Erfüllung allein ihm Beruhigung und Glück verheißt. Und man erkennt sehr wohl, daß auch Riviere keineswegs gefühllos ist (nichts Ergreifenderes als die Schilderung, wie die Frau des Vermißten zu ihm kommt) und daß für ihn nicht weniger Mut dazu gehört, seine Befehle zu geben, als für seine Piloten, sie auszuführen. »Um geliebt zu werden«, sagt er einmal, »braucht man nur zu bemitleiden. Ich bemitleide so gut wie nie, oder ich verberge es.« Und ferner: »Man soll die lieben, über die man befiehlt; aber man soll es ihnen nicht sagen.« Darin spricht sich die »dunkle Empfindung« aus von einer Pflicht, höher als Liebe; das Gefühl, daß der Mensch seinen Endzweck nicht in sich selber findet, sondern sich unterzuordnen und sich zu opfern hat irgendeinem Etwas, das Macht über ihn hat und von ihm lebt. Das ist die gleiche »dunkle Empfindung« - ich erkenne es mit Genugtuung wieder -, die meinem Prometheus die paradoxen Worte eingab: »Ich liebe den Menschen nicht, aber ich liebe das, was ihn verzehrt.« Das ist die Quelle alles Heldischen: »Wir handeln«, sagt Riviere, »als ob es etwas gäbe, das das Menschenleben an Wert übertriffi … Aber was?« Und abermals: »Vielleicht gibt es etwas anderes,

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