Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Nach Norden, Strolch

Nach Norden, Strolch

Titel: Nach Norden, Strolch
Autoren: Edgar Wallace
Ads
1
    Der Strolch sah selbst für einen Strolch reichlich verwahrlost aus - und auch reichlich gefährlich, denn er spielte mit einer schußfertigen Pistole, warf sie von der einen Hand in die andere, balancierte sie auf seinem Zeigefinger und beobachtete mit gespannter Aufmerksamkeit, wie die Pistole erst nach rechts, dann nach links schwankte. Es schien, als sei sie ihm etwas wie ein geliebtes Spielzeug; er konnte weder die Augen noch die Hände davon lassen. Wenn er des Spielens müde war, ließ er sie in der Tasche seiner zerrissenen Hose verschwinden, aber das dauerte nur einen Augenblick. Gleich holte er die Pistole wieder hervor, um sie zu streicheln und mit ihr zu jonglieren.
    »Aber so was gibt es doch gar nicht!« sagte der Strolch dabei wiederholt vor sich hin.
    Es war unverkennbar, daß er Engländer war, aber was ein englischer Strolch an der äußersten Stadtgrenze von Littleberg im Staate New York zu suchen hatte, entzieht sich im Augenblick der dringlich wünschenswerten Erklärung.
    Wie gesagt, sein Äußeres war selbst für einen Strolch nicht angenehm. Sein Gesicht war fleckig und verschwollen, sein Bart wohl eine Woche alt, ein Auge erholte sich gerade von einer heftigen Begegnung mit der Faust eines Kollegen von der Landstraße, den er in einem ungeeigneten Augenblick geweckt hatte. Die Schwellung hätte sich auf seine Unkenntnis der Wirkung des Giftsumach zurückführen lassen, aber es gab niemand in der Gegend, der sich für die Ursache der Beule interessiert hätte. Sein kragenloses Hemd war schmierig; der nur noch angedeutete Rock hatte bodenlose Löcher an Stelle der Taschen; auf dem Hinterkopf balancierte eine antike Melone mit einem von Ratten zerfressenen Rand.
    »Aber so was gibt es ja gar nicht«, sagte der Strolch, der sich Robin nannte, wieder. Die Pistole entglitt seiner Hand und fiel ihm auf den Fuß. Er sagte »Autsch!« und rieb sich die Zehen, die zwischen Oberleder und Sohle sichtbar waren.
    Jemand kam durch das Wäldchen. Er steckte die Pistole in die Tasche und zog sich geräuschlos ins Dickicht zurück.
    Es war ein Mädchen. Ein recht hübsches Mädchen, dachte er; er sah, daß sie schlank und graziös war, ein Mädchen aus der guten Gesellschaft des nächsten kleinen Ortes, nahm er an. Sie trug ein gestreiftes Seidenkleid und schwang mit großer Entschlossenheit einen Spazierstock.
    Sie blieb fast vor ihm stehen und zündete sich eine Zigarette an. Ob sie es tat, um Eindruck zu machen, oder weil es ihr Genuß bereitete, blieb ihr Geheimnis. Keine hundert Meter weiter bog der Waldweg in die Hauptstraße der Stadt ein, und zwei Reihen großer Holzhäuser standen da, die von einem Menschenschlag bewohnt zu sein schienen, der beim Anblick eines zigarettenrauchenden weiblichen Wesens unbedingt in Entrüstung geraten würde.
    Sie will Eindruck machen, dachte Robin, die Gute scheint das Städtchen auf den Kopf stellen zu wollen!
    Von seinem Versteck aus hatte er den Blick des Widerwillens gesehen, mit dem sie die schwach glimmende Zigarette betrachtete. Sie zog übertrieben daran, um sie überhaupt zum Glühen zu bringen, und schritt dann weiter. Er empfand Mitgefühl für Menschen, die andere in Entrüstung brachten. Er hatte es in seinem Leben schon oft getan und mußte dies auch weiter fortsetzen.
    Gemächlich kehrte er zum Waldweg zurück. Sollte er auf die Nacht warten oder einen Umweg um die Stadt machen? Es mußte eine Landstraße geben, die westlich von der Mühle nach Norden oder an der großen Käsefabrik vorbei nach Süden führte. Oder sollte er kühn durch die Hauptstraße spazieren, die Fragen und Ratschläge des wachsamen Polizeibeamten über sich ergehen lassen und riskieren, daß man ihn aus der Stadt hinausjagte, vorausgesetzt, daß man ihn in der gewünschten Richtung jagte? Er hatte sich für das erstere entschlossen, ohne lange darüber nachzudenken. Der Weg durch die Stadt war zu gefährlich. ›Rotbart‹ war vielleicht da mit dem dicken kleinen Kerl, der so ungewöhnlich schnell laufen und mit solch erstaunlicher Geschicklichkeit Messer werfen konnte.
    Ein neuer Fußgänger tauchte auf und näherte sich so lautlos auf Gummisohlen, daß Robin ihn nicht hörte, bis es zu spät war. Es war ein magerer junger Mann, sehr elegant gekleidet. Der Strohhut trug die Farben seines College und balancierte über dem rechten Auge. Der Gürtel um seine Wespentaille hielt gutgebügelte Hosen, und seine Krawatte zeigte ein erlesenes Muster.
    Er hätte der Reklameseite einer

Weitere Kostenlose Bücher

Aus dem Leben eines Taugenichts - Erzaehlungen
Aus dem Leben eines Taugenichts - Erzaehlungen von Josef Freiherr von Eichendorff
Sternenwind - Roman
Sternenwind - Roman von Blanvalet-Verlag <München>
Wolfsherz
Wolfsherz von Wolfgang Hohlbein