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Nach dir die Sintflut

Nach dir die Sintflut

Titel: Nach dir die Sintflut
Autoren: Andrew Kaufman
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Eins
    Die Frau, die ihre Gefühle nicht für sich behalten konnte
    Die Limousine, die Rebecca Reynolds und Lewis Taylor zur Beerdigung fahren sollte, war in Toronto mitten auf einer Kreuzung liegengeblieben. Der lange schwarze Wagen stand in westlicher Richtung auf der Queen Street und blockierte somit die Broadview Avenue. Rebecca und Lewis hielten die äußeren Plätze auf der Rückbank besetzt, dazwischen saß niemand.
    Beide trauerten um Lisa Taylor, die Rebeccas kleine Schwester und Lewis’ Ehefrau gewesen war; abgesehen davon hatten sie nicht viel gemein. Lewis war relativ klein. Sein Anzug und seine Frisur wirkten modisch. Rebecca hingegen war ziemlich groß, ihr naturbraunes Haar war zu einem schulterlangen Bob geschnitten, und sie trug ein schlichtes schwarzes Kleid. Während der Fahrer den Zündschlüssel immer wieder vergeblich drehte, starrten die zwei aus ihrem jeweiligen Fenster, symmetrische Körperhaltung.
    Rebecca überlegte vor sich hin, ob der Motor kaputt war oder einfach nur der Tank leer. Sie strich ihr Kleid glatt, bis der Stoff keine Falten mehr warf. Sie bemerkte, dass sie in der Nähe von E. Z. Self Storage liegengeblieben waren, dem Mietlager, wo Rebecca den Lagerraum Nummer 207 angemietet hatte. Sie spielte an ihrer Handtasche herum und ließ den Verschluss auf- und zuschnappen. Dann fiel ihr Blick auf den Teppich unter ihren Schuhen, und sie erinnerte sich daran, dass sie in
einer Limousine saß und auf dem Weg zur Beerdigung ihrer Schwester war. Die Trauer und die Schuldgefühle holten sie wieder ein.
    Lewis wurde von denselben Gefühlen überwältigt. Der Kummer war schwarz und klebrig, die Traurigkeit stechend und schmerzhaft, die Schuldgefühle erdrückend. Drei Tage und elf Stunden waren vergangen, seit er den Leichnam seiner Frau entdeckt hatte, und bis zu diesem Moment hatte Lewis nichts gefühlt. Eine Woge der Erleichterung überspülte ihn. Dann fiel ihm plötzlich ein, dass er neben Rebecca saß und die Gefühle nicht ihm, sondern ihr gehörten.
    »Oh«, sagte Lewis.
    »Tja«, erwiderte Rebecca.
    »Tja«, wiederholte Lewis. Die Traurigkeit, die seine Schwägerin ausstrahlte, führte Lewis sein eigenes Versagen ebenso deutlich vor Augen wie Rebeccas außergewöhnliche Fähigkeit, ihre Emotionen in die Welt hinauszustoßen wie andere Leute ihren Atem.

    Seit dem Tag ihrer Geburt war Rebecca in der Lage, Gefühle abzusondern. Zunächst war alles schwarz gewesen, dann plötzlich hell und bunt. Rebecca hatte keine Ahnung, was passierte. Es tat weh, und sie konnte sich nicht dagegen wehren. Sie konnte nichts erkennen, denn sie wusste nicht, dass sie Augen hatte und dass das Licht und die Farben durch eben diese Augen einfielen.
    Als sie zum ersten Mal von fremden Händen berührt wurde, wusste Rebecca nicht, was Hände sind oder Haut oder Berührungen. Sie wusste nur, dass das Pochen fehlte. Da war die Dunkelheit gewesen und das Pochen, beständig und beruhigend, und nun waren sie weg. Die neugeborene Rebecca war erschüttert. Angst und Beklemmung packten sie und machten
an ihren Körpergrenzen nicht halt. Die Gefühle breiteten sich im ganzen Raum aus. Sie überfielen alle Anwesenden. Der Arzt hielt inne und starrte auf das Kind in seinen Händen. Die Krankenschwestern ließen die Tabletts aus rostfreiem Stahl sinken und sahen einander ratlos an. Alle lauschten dem Summen der Maschinen.
    »Was ist los? Was ist mit ihr los?«, fragte Rebeccas Mutter.
    Weil der Arzt nicht wusste, was los war, tat er das Übliche. Er schnitt die Nabelschnur durch und legte der Mutter das Baby auf den Bauch. Rebecca hörte das Pochen. Sie schloss die Augen, und es wurde dunkel. Sie fühlte sich wieder sicher und geborgen, und sie gab das Gefühl an alle Anwesenden weiter. Der Arzt, die Krankenschwestern und die Mutter seufzten wie aus einem Mund. Im Kreißsaal wurde es still, und Rebecca schlief ein.
    Rebeccas Gefühle hatten unterschiedliche Reichweiten - je intensiver die Regung, desto weiter strahlte sie. Um das Glück nachzuempfinden, das sie spürte, wenn sie zufällig ihre Lieblingssendung im Fernsehen entdeckte, musste man sich in unmittelbarer Nähe ihres Kopfes aufhalten, man musste ihn fast berühren. Aber wenn sie verliebt war, bekamen das selbst die Nachbarn im nächsten Häuserblock mit. Daraus ergaben sich viele Probleme, denn Rebecca strahlte ausgerechnet jene Gefühle am weitesten aus, die sie am liebsten für sich behalten hätte.

    Die Limousine stand immer noch mitten auf der

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