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Mythor - 084 - Stadt der Amazonen

Mythor - 084 - Stadt der Amazonen

Titel: Mythor - 084 - Stadt der Amazonen
Autoren: Giesa Werner K.
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1.
    In dem Moment, in dem das Floß mit dumpfem Knall die Kaimauer berührte, geschah es.
    Ciffa hatte es kommen gesehen. Etwas war anders gewesen als sonst. Eine winzige Kleinigkeit nur, die einem normalerweise nicht auffiel, aber irgendwie hatte die Amazone es gespürt. Auf dem Floß war etwas geschehen, das die Kontrolle durchbrach.
    Jetzt erhob das Ungeheuer sich brüllend. Armdicke Taue rissen mit peitschendem Knallen. Die Bestie, groß wie ein kleines Haus, reckte sich auf dem schwankenden Floß empor und pendelte gefährlich hin und her.
    Ciffa preßte die Lippen zusammen. Sie war zu weit entfernt, um eingreifen zu können. Und selbst wenn sie nahe genug gewesen wäre, hätte sie es nicht getan. Sie war Arenakämpferin, und ihre Kamize würde sie aus ihrer Kampfgruppe ausstoßen, wenn sie ihre Kräfte auf diese Weise vergeudete und ihre Gesundheit aufs Spiel setzte. Mochten andere sich mit dem Ungeheuer herumschlagen.
    Für ein paar Herzschläge drohte es ins Wasser zu stürzen. Aber dann schlug der massige Vorderkörper des dicht behaarten Riesenwesens auf dem Kai auf. Krallenbewehrte Klauen streckten sich, lange Krallen bohrten sich in den Steinbelag, fanden mit alptraumhafter Sicherheit die Fugen und gruben sich dazwischen in die lockeren Füllungen. Mit jähem Ruck schnellte sich das Biest vollends an Land.
    Wieder stieß es sein schauerliches Brüllen aus. Ciffa fühlte, wie sich unter der leichten Rüstung ihre Bauchdecke mit dumpfem Druck bemerkbar machte. Unwillkürlich riß die Amazone beide Hände an die Ohren. Nah genug war die Bestie, um mit ihrem überlauten Gebrüll Menschen taub werden zu lassen.
    Laute Warnschreie ertönten. Ein Horn gellte und mischte seinen mißtönenden Klang in das Gebrüll des Pelzriesen.
    Augen, groß wie ein Menschenkopf, glühten rötlich, und von diesen Augen besaß das Prachtexemplar gleich acht Stück, die an allen Seiten des Kopfes saßen.
    Kriegerinnen stürmten herbei. Arbeiter flohen in wilder Hast. Das graue Ungetüm machte zwei Schritte vorwärts und hatte damit gleich zehn Mannslängen zurückgelegt.
    Schwertlanzen blitzten im Sonnenlicht auf.
    Kriegerinnen wichen wieder zurück, suchten nach weittragenden Waffen.
    Innerhalb weniger Augenblicke verwüstete das Ungeheuer den Kai. Dort, wo Fässer und Ballen aufgestapelt waren, um auf ein Schiff verladen zu werden, das am späten Nachmittag einlaufen sollte, wirbelten die riesigen Pranken. Holz splitterte, Stoff und Seile rissen. Fässer mit Honig zerplatzten unter den wütenden Hieben oder wurden ins Wasser geschleudert. Ein Regenschutzdach faltete sich zusammen wie eine Blätterhütte.
    Und wieder brüllte die Bestie. Ciffa wechselte das Standbein. Sie befand sich auf erhöhter Position, von wo aus sie das Einlaufen der Galeere beobachtet hatte, die das Floß hinter sich her zog. Das Ungeheuer war für die Arena bestimmt und war gefesselt und in magischem Schlaf befangen gewesen. Doch etwas hatte nicht geklappt. Vielleicht hatte die Hexe, die den Zauberbann gesprochen hatte, versagt. Das Ungeheuer war zu früh erwacht.
    Die Männer in abgerissenen Kleidern, die es hatten an Land zerren sollen, waren schreiend geflohen. Auch die Kriegerinnen wichen mehr und mehr zurück.
    Kein Wunder, dachte Ciffa. Sie war froh, nicht in der direkten Kampfzone zu sein.
    Das Ungeheuer zögerte jetzt. Ein paar geworfene Schwertlanzen steckten in seinem massigen Körper. Der riesige Schädel pendelte hin und her. Die glühenden Augen richteten sich auf alles, was sich bewegte. Schaudernd betrachtete Ciffa die starken Schenkel der Bestie. Die Muskeln des Tieres waren angespannt.
    Woher es stammte, konnte Ciffa nicht sagen. Sie sah diese Kreatur zum erstenmal in ihrem Leben und erhielt sofort den richtigen Eindruck. Und gegen eine solche Bestie sollten Arenakämpferinnen antreten? Sie konnte es sich nicht vorstellen. Selbst ein Dreigespann würde nicht in der Lage sein, das Monstrum aufzuhalten.
    Geschweige denn, es zu besiegen…
    Wilde Schreie erklangen. Kommandos, Befehle. Jede der Amazonen unten im Hafen glaubte die richtige Jagdmethode zu kennen und wollte sich nicht den Gedanken anderer unterordnen. Die Folge war ein heilloses Durcheinander.
    Das Ungeheuer, von dem Ciffa nicht einmal die Artbezeichnung kannte, zögerte nicht mehr. Es sprang und überwand mit diesem einen Sprung die ganze Breite des Kais. Der massige Körper krachte mit voller Wucht in einen Lagerschuppen und walzte ihn zur Hälfte flach. Wieder flogen alle

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