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Mord ist ihre Leidenschaft

Mord ist ihre Leidenschaft

Titel: Mord ist ihre Leidenschaft
Autoren: J. D. Robb
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1
    F ür die Aufklärung eines Mordes brauchte man Zeit, Geduld, Engagement und Toleranz gegenüber dem täglichen trübsinnigen Einerlei. Lieutenant Eve Dallas war jemand, der all diese Dinge besaß.
    Sie wusste, dass es nichts davon bedurfte, um einen Mord zu begehen. Allzu häufig wurde einem Menschen aus einem Impuls heraus, im Zorn, aus Spaß oder schlicht aus Dummheit das Leben geraubt. Letzteres war ihrer Meinung nach der Grund, weshalb ein gewisser Charles Michael Renekee von einem Typen namens John Henry Bonning aus dem Fenster einer Wohnung im zwölften Stock eines Hauses in der Avenue D geworfen worden war.
    Sie hatte Bonning vor sich im Verhörraum und nahm an, dass sie in spätestens zwanzig Minuten ein Geständnis von ihm hätte und dass er nach einer weiteren Viertelstunde sicher hinter Schloss und Riegel säße und ihr Bericht fertig geschrieben bei ihrem Vorgesetzten läge. Vielleicht käme sie doch noch rechtzeitig nach Hause.
    »Komm schon, Boner.« Dies war die Sprache, in der sich die erfahrene Polizistin mit dem altgedienten bösen Buben unterhielt. Auf möglichst niedrigem Niveau, doch damit kannte sie sich aus. »Tu dir selbst einen Gefallen, mach ein Geständnis und dann kannst du auf Notwehr und verminderte Schuldfähigkeit plädieren. Bis zum Abendessen können wir die Sache abgeschlossen haben. Wie ich höre, kommen heute Abend in der U-Haft Pasta Sorprese auf den Tisch. «
    »Ich habe ihn nicht angerührt.« Bonning presste seine wulstigen Lippen aufeinander und trommelte mit seinen langen, fetten Fingern auf den Tisch. »Das Arschloch ist einfach gesprungen.«
    Seufzend setzte sich Eve an den kleinen Metalltisch im Verhörraum A. Sie wollte nicht, dass Bonning einen Anwalt forderte und dadurch ihre Arbeit unnötig erschwerte. Sie musste ihn davon abhalten, die Worte auszusprechen, ihn weiter in die bereits eingeschlagene Richtung lenken und schon hätte sie die Sache unter Dach und Fach.
    Zweitklassige Drogendealer wie Bonning waren alle gleichermaßen bescheuert, früher oder später jedoch würde er jammernd einen Rechtsbeistand verlangen. Es war stets das gleiche alte Spiel, ebenso zeitlos wie die Sünde des Mordes selbst. Während inzwischen das Jahr 2058 seinem Ende entgegenstolperte, verlief die Jagd auf Mörder grundlegend nach demselben Schema wie noch in grauer Vorzeit.
    »Er hat also einfach einen Satz aus dem Fenster gemacht. Nur – aus welchem Grund?«
    Bonning legte seine Affenstirn in nachdenkliche Falten. »Vielleicht weil er verrückt war?«
    »Möglich, Boner, aber mit dieser Antwort bist du immer noch nicht für die zweite Runde des Spielchens Führ-die-Bullen-hinters-Licht qualifiziert. «
    Es dauerte ungefähr dreißig Sekunden, bis er dämlich grinste. »Witzig. Wirklich witzig, Dallas.«
    »Ja, ich habe bereits erwogen, mich nebenberuflich als Komikerin zu versuchen. Aber, um auf meinen Hauptberuf zurückzukommen, ihr beiden habt in deinem tragbaren Labor in der Avenue D irgendwelche Erotika zusammengebraut, und urplötzlich kam Renekee – verrückt, wie er nun einmal war – auf die glorreiche Idee, durch das geschlossene Fenster zu springen, zwölf Stockwerke tiefer auf dem Dach eines Taxis aufzuschlagen, dadurch dem auf der Rückbank sitzenden Touristenpaar aus Topeka einen Heidenschrecken einzujagen, und schließlich sein Hirn auf der Straße zu verspritzen. «
    »Mann, war das ein Aufprall«, erklärte Bonning mit einem beinahe ehrführchtigen Lächeln. »Wer hätte das gedacht. «
    Sie hatte nicht die Absicht, ihn wegen vorsätzlichen Mordes dranzukriegen, und wäre bereits zufrieden, liefe die ganze Sache nach Verhandlung mit dem Pflichtverteidiger auf Totschlag hinaus. Drogendealer, die einander an die Gurgel gingen, entlockten Justifia nicht einmal ein erwartungsfrohes Schmunzeln. Sicher säße er wegen des Handels mit illegalen Drogen länger als wegen der von ihm begangenen Tötung. Selbst, wenn man beides zusammennähme, wanderte er bestimmt nicht länger als drei Jahre in den Kahn.
    Sie kreuzte die Arme auf den Tisch und beugte sich nach vorn. »Boner, sehe ich vielleicht dumm aus?«
    Bonning, der die Frage ernst nahm, sah ihr ins Gesicht. Sie hatte große braune Augen, doch ihr Blick war alles andere als weich, und auch ihr hübscher, voller Mund drückte statt warmer Sanftmut kühle Härte aus. »Wie ein Bulle«, stieß er schließlich widerstrebend aus.
    »Gute Antwort. Also versuch am besten nicht, mich zu verarschen. Du hattest einen Streit mit

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