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Mord in h-moll

Mord in h-moll

Titel: Mord in h-moll
Autoren: Alexander Borell
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1

    In jedem Menschenleben gibt es einmal einen absoluten Nullpunkt. Ist man erst einmal so tief gesunken, dann kommt es einem auch nicht mehr auf einen Mord an. Dann ist alles egal.
    Wenn ich heute versuche, mich genau an die schrecklichen Ereignisse der letzten Monate zu erinnern, dann fällt mir ein, daß ich am 5. Oktober auf meinem Nullpunkt angekommen war. Von diesem Tage an war ich wirklich fest entschlossen, mich von meiner Frau zu befreien, sie zu töten. Vor allen Dingen ließen mir die Ereignisse gar keine andere Wahl mehr, wie mir damals schien.
    Natürlich denkt man in einer achtjährigen Ehe gelegentlich einmal auch an eine Trennung, in erster Linie vielleicht an Scheidung. Mein Fall lag jedoch anders. Schon lange vor diesem verhängnisvollen 5. Oktober dachte ich an Mord.
    Allerdings hatte ich damals noch keineswegs die wirklich ernste Absicht, Hilda umzubringen, es waren nur ganz allgemeine, fast hilflose und verzweifelte Gedanken an Mord.
    Es fing damit an, daß ich ganz allgemein über das Problem des Mordes nachdachte. Ich schmiedete theoretische Mordpläne, ohne sie direkt auf meine Frau abzustimmen. Die Frage, die mich beschäftigte, lautete: ist es möglich, einen Menschen zu töten, ohne dafür bestraft zu werden?
    Ich begann, alle Mordfälle in der Presse genau zu studieren. Schon bald war ich zu der Überzeugung gekommen, daß die Mörder in den meisten Fällen noch dümmer waren als die Polizei und deshalb geschnappt wurden. In jedem Mordfall, den ich untersuchte, hatte der Mörder irgendeinen Fehler, meistens sogar einen recht törichten Fehler, begangen. Aber sollte es wirklich nicht gelingen, einen Mord ohne Fehler zu begehen, also den berühmten perfekten Mord?
    Mehr und mehr neigte ich der Ansicht zu, daß es mehr perfekte Morde gibt, als wir es uns träumen lassen. Die Betroffenen liegen friedlich in ihren Gräbern, von Angehörigen und dem Mörder beweint, und sie sind an Herzschwäche oder irgendeiner anderen harmlos unverdächtigen Sache gestorben. Das, worauf es ankam, war sehr einfach: die Polizei und auch sonst kein Mensch durfte den Verdacht schöpfen, daß es sich um einen Mord handeln könnte.
    Hilda hatte keine Ahnung, womit sich meine Gedanken beschäftigten, wenn ich abends vor meinem Tonbandgerät saß, wenn ich Beethoven oder Brahms hörte. Klassische Musik sagte ihr gar nichts, langweilte sie. Und sie konnte es nicht vertragen, wenn ich untätig herumsaß, wenn ich meinen Feierabend genoß.
    Sie drohte mir dann damit, mein Tonbandgerät zu verkaufen, rechnete mir vor, wie kostspielig die Tonbänder seien, wie wenig Geld ich verdiente, und dann steigerte sie sich in einen Ausbruch von Zorn und Haß, gegen den ich machtlos war. Schließlich endete es immer damit, daß ich schweigend aufstand, die Wohnung verließ und stundenlang spazieren ging. Auf diesen einsamen Wegen hatte ich die Fäuste in den Taschen geballt, und ich dachte: warte nur, eines Tages bist du dran, dann werde ich endlich meine Ruhe vor dir haben.
    Im Sommer 1951 war ich aus der Gefangenschaft gekommen, ausgehungert in jeder Beziehung. Schon der erste Abend hatte mich ins >Apollo< geführt, und dort war sie aufgetreten. Eine große, sehr blonde Frau mit einer dunklen, rauchigen Stimme. Sie sang freche Chansons. Als ein Blumenmädchen durchs Lokal kam, kaufte ich ihr in einem Anfall von Größenwahn und Freiheitsdrang sämtliche Blumen ab und schickte sie Hilla Andersen auf die Bühne. Dafür durfte ich später mit ihr an der Bar sitzen, ihre schlanken, gepflegten Hände streicheln und den Sekt bezahlen.
    In den nächsten Wochen fand ich Arbeit bei der >Transcontinental<, einer großen Transportfirma. Zunächst war ich Hilfsbuchhalter, und als ich Kassier wurde, bat ich Hilla Andersen, meine Frau zu werden. In Wirklichkeit hieß sie Hilda Schede.
    Viele Jahre später, als wir uns wieder einmal gezankt hatten, fragte ich sie, warum zum Teufel sie mich denn damals überhaupt geheiratet hätte, und sie sagte spöttisch: »Weil ich deinen sanften Typ schätzte. Es gibt keine bequemeren Ehemänner.«
    In den ersten Monaten aber war ich glücklich. Wir hatten eine kleine Wohnung und unser Auskommen. Dann aber fing Hilda an, mir zu zeigen, wie sehr sie sich langweilte. Sie sehnte sich nach ihren Nachtlokalen, deren Besuch als Gast ich mir nicht leisten konnte. Und sie begann, ihre alten Chansons zu singen, wenn sie morgens in der Badewanne saß.
    Eines Tages überraschte sie mich mit einer neuen, viel größeren

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