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Mord im Tal der Koenige - Historischer Roman

Titel: Mord im Tal der Koenige - Historischer Roman
Autoren: Cay Rademacher
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1. BUCH ROLLE

D ER TOTE S CHREIBER
    Jahr 6 des Merenptah, Achet, 5. Tag des Paophi; Set-Maat
    Das gelbe Licht des aufgehenden Mondes war diffus wie das Leuchten einer Öllampe im Grab. Die schroffen Kalksteinfelsen knackten und ächzten, als ihnen der kühle, vom Nil heraufwehende Nachtwind die während des langen Sommertages gespeicherte Hitze raubte. Irgendwo lösten sich ein paar kleine Brocken, die in einer abgelegenen Schlucht leise polternd einen Hang hinabrutschten, bis sie in einer Geröllhalde ausrollten. Eine jagende Hyäne stieß einen Warnruf aus und eine andere antwortete ihr von jenseits des großen Tals mit dem gleichen hohen, zornig klingenden Bellen. Dann war wieder nur die leise Kadenz der abkühlenden Felsen zu vernehmen.
    Viele Menschen glaubten allerdings, dass dieses Seufzen und leise Mahlen gar nicht aus den Steinen drang. Für sie waren es die Verwünschungen und Klagelieder, die Drohungen und Zaubersprüche der Dämonen und der ruhelosen Geister jener Toten, deren Nachkommen den Kult vernachlässigt und deshalb verhindert hatten, dass die Seelen dieser Unglücklichen den Frieden im Reich des Westens finden konnten.
    Doch der Mann, der jetzt aus seinem Haus trat, schien vor diesen drohenden Gefahren keine Angst zu haben. Er hatte sich ein Tuch aus dunkler, grober Wolle über den Körper geworfen, einen Umhang, wie ihn die Aufseher in den Steinbrüchen der großen Wüste Nubiens im Winter trugen, wenn es nachts so kalt wurde, dass sich eine Eisschicht, dünn wie ein Frauenschleier, über das Wasser in den Tonkrügen legte. Für Paophi, den zweiten Monat in Achet, der Jahreszeit der Überschwemmung, war der Stoff viel zu dick. Der Mann trug außerdem eine braune Filzkappe auf dem Kopf und die schweren rindsledernen Sandalen der Soldaten an den Füßen. Als er aus dem Schatten seines Hauses heraustrat, fiel für einen Moment das bleiche Mondlicht auf sein feistes, schweißglänzendes Gesicht. Der Mann schnaufte leise, trat in den Schatten des nächsten Hauses – und dann schien er einfach zu verschwinden wie eine Spukgestalt aus dem Reich des Westens.
    Kenherchepeschef lächelte dünn. Die grobe Kleidung mochte zu schwer und zudem für einen Mann seines Standes unwürdig primitiv sein, doch sie war dunkel. Schon auf wenige Schritte Entfernung würde er kaum noch auszumachen sein, wenn er jeden unnötigen Lärm vermied. Das Dorf, in dem er seit vierundzwanzig Jahren so unumstritten herrschte wie der Pharao über das Lande Kemet, schien menschenleer zu sein. Die einzige, zum Nordtor führende Straße, die Gassen, die zu beiden Seiten abzweigten, die Dachterrassen der Häuser lagen verlassen da. Kenherchepeschef grinste verächtlich. Es war Wochenende – zwei freie Tage nach acht Tagen härtester Plackerei, in denen das Grab des Pharaos in den Felsen geschlagen worden war. Die Männer würden bei ihren Frauen liegen, viele Krüge sauren Bieres trinken oder einfach nur erschöpft auf ihren Matten schlafen. Niemand würde auf den Gedanken kommen, zu dieser späten Stunde noch aus dem Haus zu treten.
    Vorsichtig schlich Kenherchepeschef die Straße entlang. Plötzlich erstarrte er, als er auf einer Dachterrasse eine schnelle Bewegung entdeckte. Er wagte nicht zu atmen, bis er ein kurzes Fauchen hörte. Erleichtert sog er die Luft wieder ein und schritt weiter. Es war nur der an einen Pfahl auf dem Dach festgebundene dressierte Affe eines Arbeiters. Die Meerkatze war aufgesprungen, um eine streunende Katze zu verscheuchen. Endlich hatte er das Tor erreicht. Kenherchepeschef holte unter seinem Gewand einen langen Schlüssel und ein kleines Glasfläschchen mit Sesamöl hervor. Er tröpfelte das Öl auf das Schloss, dann auf den Schlüssel, bevor er geräuschlos aufschloss. Langsam drückte er einen schweren, bronzebeschlagenen Torflügel auf, schlüpfte hindurch und schloss ihn wieder hinter sich. Dann atmete er tief durch: Er hatte das Dorf verlassen. Hier war die Gefahr der Entdeckung am größten gewesen. Nun, zwischen den schroffen Felsen, würde ihn niemand mehr aufspüren.
    Er murmelte ein kurzes Gebet an Hathor und umklammerte eines von mehreren Amuletten, die er um den Hals trug: die
achet-Hieroglyphe,
das Kreuz des Lebens. Das würde ihn vor den Dämonen der Felsen schützen, die, wie Kenherchepeschef glaubte, längst nicht so gefährlich waren wie diejenigen Dämonen, die den schlafenden und deshalb hilflosen Menschen im Traum heimsuchten. Vor den Skorpionen und Schlangen, die jetzt in den

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