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Mord im Nord

Mord im Nord

Titel: Mord im Nord
Autoren: A Giger
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Rückblick
    Schmelzend begannen erneut die Geige, die Gitarre und das Akkordeon zu schluchzen, um in einen südländisch klingenden Schunkelrhythmus zu wechseln, ehe Polo Hofers unverkennbare verrauchte Stimme mit dem Text von «Adelina» einsetzte. Ich hatte diesen Uralt-Song aus dem Jahr 2002 auf endlose Wiederholung eingestellt. Weil er mich an eine Zeit erinnerte, die erst ein halbes Jahr her war und doch unendlich weit weg erschien. Weil ich ein wenig Ablenkung von der tristen Gegenwart gut gebrauchen konnte. Und weil er meine Sehnsucht nach ihr, Adelina, am Leben erhielt.
    Hesch mit dym Lache
    Mis einsame Härz berüehrt
    U dini Guet-Nacht-Gschichte
    Hei mi verfüert.
    (Du hast mit deinem Lachen
    mein einsames Herz berührt,
    und deine Gutenachtgeschichten
    haben mich verführt.)
    Ja, die leibhaftige Adelina hatte damals tatsächlich mein einsames Herz berührt, nicht nur mit ihrem Lachen, aber auch. Verführt allerdings hat uns in jener letzten gemeinsamen Nacht unter den Bäumen am Feuer neben meinem kleinen Häuschen auf dem Tannenbüel, ein ganzes Stück oberhalb des appenzellischen Dorfes Wald, wohl eher die gemeinsam erlebte Geschichte rund um die Leiche in der Bleiche.* [* Andreas Giger: Eine Leiche in der Bleiche. Ein Appenzeller-Käse-Krimi. Wald AR , 2011, und Emons Verlag, 2012 ]
    I muess gah u wär weiss
    Wenn mir üs wieder xeh
    Mach’s guet, Adelina, Adelina, Ade!
    (Ich muss gehen, und wer weiss,
    wann wir uns wiedersehen.
    Mach’s gut, Adelina, Adelina ade!)
    Nun, damals hatte Adelina gefunden, dass sie gehen müsse. Und keiner von uns beiden hat gewusst, ob und wann wir uns wiedersehen. Bisher jedenfalls war uns dieses Glück nicht vergönnt.
    I ha gkochet u gkochet hie obe
    U du hesch serviert
    Mir hei enand immer ghulfe
    Wenn’s het pressiert.
    (Ich habe gekocht und gekocht hier oben,
    und du hast serviert.
    Wir haben uns immer geholfen,
    wenn es pressiert hat.)
    Ums Kochen ging es damals während unserer gemeinsamen Zeit im Frühling nicht gerade, wohl aber um ein Lebens- und Genussmittel, nämlich um den berühmten Appenzeller Käse. Die Leiche in der Bleiche, über die ich gestolpert war, hatte sich als Emil Matzenauer erwiesen, IT -Unternehmer und kommender «König» von Appenzell. Um es kurz zu machen: Dieser Matzenauer war Mitglied des streng geheimen Bewahrungskomitees, welches das Geheimrezept der für die Käseherstellung notwendigen Kräutersulz höchst erfolgreich hütet. Er war aus verschiedenen Gründen erpressbar geworden, und diese Schwäche nutzte ein polnisches Käsesyndikat, das gefälschten Appenzeller Käse auf den Markt werfen wollte, gnadenlos aus.
    Dank der weisen Zusammensetzung des Bewahrungskomitees konnte Matzenauer nicht das ganze Geheimrezept verraten, doch er fand ein unrühmliches Ende unter der Bleiche-Brücke. Und, trotz allen Nachforschungen, die Adelina und ich gemeinsam unternommen hatten, blieb unklar, ob es sich nun um einen Mord – organisiert vom Käsesyndikat – gehandelt hatte, um Selbstmord oder gar um einen banalen Unfall.
    Ohne Adelina wäre mir damals die (Beinahe-)Klärung des Falls rund um die Leiche in der Bleiche unmöglich gewesen, und ohne ihre Recherchierkünste, die sich manchmal am Rand der Legalität bewegten, hätte ich auch nie erfahren, dass das polnische Käsesyndikat seine Pläne, Appenzeller Käse zu fälschen, mangels Rentabilitätsaussichten aufgegeben hatte. Das wiederum hatte mich von einem starken Gefühl der Bedrohung befreit. Gegenseitig geholfen hatten wir uns auf jeden Fall bei diesem Fall.
    Es isch schön uf den Alpe
    U glych geit dr Summer verby
    Dr Bärgwald wird farbig
    Dr erscht Schnee chunnt scho gly.
    (Es ist schön auf der Alp,
    und doch geht der Sommer vorbei.
    Der Bergwald wird farbig,
    der erste Schnee kommt schon bald.)
    Ja, der Sommer war definitiv vorbei, auch wenn der Blick auf das Säntisgebirge nach wie vor beglückend war. Sehr viele bunte Farben prägten die einheimischen Wälder zwar nicht, weil sie vorwiegend von immergrünen Nadelbäumen gebildet werden. Und doch war der Herbst nicht zu übersehen. Der erste Schnee war sogar schon da gewesen, aber ebenso schnell verschwunden, wie er gekommen war. Was für einen Kontrast bildet diese Spätherbst-Melancholie zur fröhlichen Aufbruchsstimmung dieses ungewöhnlich warmen und schönen Frühlings!
    Drumm nimm mi i Arm
    Als wär’s zum allerletschte Mal
    Andalusie isch wyt
    Und i muess abe i ds Tal.
    (Darum nimm mich in den Arm,
    als wäre es zum

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