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Mondtaenzerin

Mondtaenzerin

Titel: Mondtaenzerin
Autoren: Frederica de Cesco
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einen Sari. Bei gedämpfter Beleuchtung brauchte sie nur die Hüften zu bewegen und mit den Armbändern zu klingeln, während Mädchen aus der Ballettschule sie elegant umtanzten. Mutter hatte viel Erfahrung, ihre Vorschläge wurden beachtet. Man bot ihr an, für das Theater Kostüme anzufertigen und Inszenierungen zu überwachen. Ihr Gehalt war symbolisch, aber das machte ihr nichts aus.
    Besuchte ich gelegentlich – ihr zuliebe – eine Aufführung, überkam mich stets das gleiche Gefühl: Das Theater war irgendwo in der Vergangenheit gefangen, wie ein Insekt in einem Klumpen Bernstein. Die kleingewachsenen, provinziell gekleideten Zuschauer, die schreienden oder schlafenden Kinder,
der gewaltige Lüster, die mit grün gestrichenem Holz verkleidete Bühne, der weichdunkle Himmel über der Glaskuppe, in dem ein paar Sterne funkelten – mein Gott, in welchem Zeitalter befand ich mich bloß? Die Lüftung war schlecht. Alle, Frauen und Männer, bewegten ihre Fächer; wurde es dunkel im Saal, schien der Raum mit glitzerndhellen Faltern gefüllt. Ich musste an die Kameliendame denken, an George Sand und Alfred de Musset. Und auch an Nellie Melba und Caruso, die ja hier gesungen hatten. Theater sind Orte der Erinnerung und der Gespenster. Wer ein Gefühl dafür hat, spürt solche Dinge. Ob meine Mutter davon wusste? Ich nehme an, ihre Sachlichkeit stand ihr im Weg. Eine Kühle ging von ihr aus, die womöglich nur gut gehütete Einsamkeit war.

    Das Wort »einsam« wird oft mit Traurigkeit in Verbindung gebracht, und das mag ja stimmen. Aber Traurigkeit nützte weder Mutter noch mir. Als erwachsene Frau fand ich es mühsam und suspekt, dass ich nach allem, was geschehen war, noch immer an meine Kindheit dachte, den Kopf voller Erinnerungen an unwiderruflich Vergangenes trug. Erinnerungen, die ich mit ganz feinen Webfäden verknüpfte, die ich mit dem Empfinden meines Lebendigseins belebte. Möglicherweise ließ sich der Schmerz eines Tages in Trost verwandeln. Denn mit dem Trost kann man machen, was man will, man kann wieder leben. An jenem Morgen, als ich zu Mutter ins Theater kam, die Bilder des Schreckens noch im Kopf, war mir zumute gewesen, als ob ich mich bei ihr verkriechen wollte. Fast leidenschaftlich hatte ich mir gewünscht, dass sie mich in ihre Arme nahm, mich streichelte und bedauerte, wie es sich gehörte. Aber daraus wurde nichts. Ich begriff, dass diese Art von Trost ein sehr bequemer war, dass ich es allein durchstehen musste. Nicht viel anders als meine Mutter im Grunde, die Vater nie richtig klarmachen konnte, was der Verzicht auf ihre Berufung – den Tanz – für sie bedeutet hatte. Sie hatte
gekämpft, aber nicht konsequent genug, und sich am Ende doch in ihr Schicksal gefügt. Mir würde so etwas nicht passieren können, weil ich einen stärkeren Willen hatte. Es kam überhaupt nicht in Frage, dass ich mich unterkriegen ließ. Ich würde mich auch nie ausweinen können. Nicht bei meiner Mutter, und auch bei Peter noch nicht. Mein Stolz ließ es nicht zu. Ich rief mir Giovanni in Erinnerung, der für die Zurschaustellung seines Elends nie etwas übrig gehabt hatte, der Prügel einsteckte, während er den Stolz in sich barg wie seinen einzig sicheren Schatz. Giovannis warme Haut, sein Atem, seine Stimme mochten fern und verloren sein, aber auf diese Weise, kam mir plötzlich in den Sinn, ließ sich etwas von ihm in mir bewahren.
    Inzwischen knöpfte Mutter ein Männerjackett auf, einen nachtblauen Smoking, der bereits an einen Drahtbügel hing, und legte ihn auf das Ärmelbrett. Sie schwieg dabei, wie es ihrem Wesen entsprach. Ihr Schweigen dauerte zu lange für meinen Geschmack. Sie sagte nicht: »Geh jetzt bitte«, aber mir war klar, dass sie allein sein wollte. Sie dachte natürlich an Giovanni, aber der Skandal, der ihm folgte wie ein Fliegenschwarm, erschütterte sie zu sehr, als dass sie jetzt schon darüber hätte reden können. Später vielleicht, wenn sie Abstand gewonnen hatte. Dann aber unsentimental und ohne gefühlsmäßig überladene Aufregung, ganz einfach nur sachlich, was eindeutig gesünder war. Sie hatte ihre Methode, die vielleicht sogar die bessere war. Sie ließ keinen Schmerz mehr zu, der leidenschaftlich und zerstörerisch wütete. Und so schwebte Giovannis Name ungenannt zwischen uns. Schwamm drüber, fertig. Aber ich brauchte jetzt dringend einen Kaffee, und der aus der Cafeteria war schlecht. Ich schob meinen Stuhl zurück.
    »Mach’s gut«, sagte ich. »Vielleicht komme

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