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Mondtaenzerin

Mondtaenzerin

Titel: Mondtaenzerin
Autoren: Frederica de Cesco
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erstanden hatte. Auf ihrem Arbeitstisch lagen bunte Garne, Schnüre, Fransen und Troddeln. Augenwischerei das Ganze, aber sobald es durch ihre Hände ging, machte sie etwas Glamouröses daraus, kaum eine Spur kitschig. Sie selbst hatte den Schrank voller Kleider, war aber immer gleich angezogen, Jeans und T-Shirt, ganz nach dem in Fleisch und Blut übergegangenen Motto »Lass es dir für etwas Besseres«. Jeder Mensch hat nun mal sein Trauma, dachte ich, bevor ich von Peter sprach.
    »Stell dir vor, er verträgt sich jetzt wieder mit seinen Eltern. Er war es, der den ersten Anlauf nahm. Er brauchte das wahrscheinlich.«
    »Peter ist sehr feinfühlig.«
    »Ich würde eher sagen, konsequent. Er hat sich richtig verkracht und jetzt wieder richtig versöhnt.«
    »Dr. Micalef ist ein angesehener Arzt.«
    »Und sein Sohn wird Tierarzt. Stört dich das?«
    Sie ging auf die Bemerkung nicht ein. Sie machte akkurat ihren Saum fertig, nahm ihren Fingerhut ab.
    »Und wie geht es ihm?« Ich fühlte eine Schwere im Kopf, die mir Banalitäten eingab, Wörter ohne Sinn.
    »Ich sehe ihn nicht oft, er hat sein Praktikum begonnen und ist viel unterwegs.« Ich lachte ein wenig. »Du ahnst nicht, wie viele kranke Tiere es auf Malta gibt.«
    Mutter hob ihre Arbeit hoch, einen pflaumenblauen Umhang mit Kapuze, mohnrot gefüttert.

    Sie hielt ihn an den gestreckten Armen vor sich hoch, prüfte den Ärmelschnitt, die Nähte.
    »Was macht seine Wunde?«, fragte sie, betont beiläufig.
    Ich war darauf gefasst, dass sie die Frage stellen würde.
    »Die spürt er nicht mehr. Man sieht sie auch kaum noch.«
    Mutter hielt den Blick konzentriert auf den Umhang gerichtet, den sie ein wenig schüttelte.
    »Hübsch«, murmelte ich pflichtbewusst.
    Sie entfernte mit spitzen Fingern einige Fäden.
    »Blau und Rot machen sich gut auf der Bühne.«
    Überall an den Wänden waren Entwürfe angeheftet. Bei Mutter war alles Maßarbeit, jedem Sänger akkurat an seinen – meist recht fülligen – Leib angepasst. Am liebsten kramte sie aus dem Fundus des Theaters alte, mottenzerfressene Kostüme hervor, trennte sie auf, fügte neue Teile hinzu oder verwendete geschickt die aufwendigen Bordüren und Stickereien. Mutter machte alles selbst, nur gelegentlich half eine junge Schneiderin. Der Umhang fiel knisternd auf eine Sofalehne. Mutter bückte sich etwas steif, las ein paar Stoffschnipsel vom Boden auf.
    »Eigentlich solltest du Peter dankbar sein. Denk mal daran, was er alles für dich aufs Spiel gesetzt hat.«
    Augenblicklich ging ich in die Defensive.
    »Für mich? Wie kommst du darauf?«
    »Die Sache hätte ein schreckliches Ende nehmen können.«
    Sofortige Pulsbeschleunigung. Herzklopfen. Wut.
    »Die Sache hat ein schreckliches Ende genommen!«
    »Peter hat dabei sein Leben riskiert.«
    »Peter?«, sagte ich, ein paar Töne lauter. »Nein, auf keinen Fall!«
    Mutter steckte ein Bügeleisen an.
    »Verstehe mich jetzt bitte nicht falsch, aber du konntest das doch gar nicht im Voraus wissen.«
    Ich spürte, wie ich innerlich zitterte.

    »Ich wusste es eben!«
    Sie prüfte mit dem Finger die Wärme des Bügeleisens. Sie hatte gemerkt, dass sie gefährlichen Boden betrat.
    »Komm, lass uns nicht mehr davon reden.«

    Mutters Kopf hob sich dunkel von der gedämpften Helligkeit des Fensters ab. Die Jugend war fort, ihr Gesicht aber seltsam alterslos. Wie merkwürdig, dass es sie nach Malta verschlagen hatte – von Insel zu Insel sozusagen –, denn sie stammte von der Ostseeinsel Rügen. Mutter hatte ihre Kindheit »hinter der Mauer« verbracht. Diesen Ausdruck benutzte sie oft: »Ich lebte hinter der Mauer.« Was sie darunter verstand, begriff ich erst, als ich zum ersten Mal die Großeltern besuchte, die Buchhändler gewesen waren. Ingrid, die Tochter, war intelligent, nahm auf der höheren Schule Englisch als Wahlfach. Sie las viel. Die Großeltern erzählten, dass es Bücher gab, die erlaubt, und andere, die verboten waren. Immerhin wusste Ingrid, dass es eine andere Welt gab, die sie sich größer und schöner vorstellte, von pulsierendem Leben erfüllt. In ihrer Fantasie glitt Ingrid wie auf Flügeln dieser Welt entgegen. Und dabei stand ihr die Mauer im Weg. Als Kind hatte sie sich eine schlechte Haltung angewöhnt; die Eltern schickten sie zum Ballettunterricht. Ingrid entdeckte ihre Freude am Tanz und fiel ihrer Lehrerin positiv auf. Diese Lehrerin, Paula irgendwas (den Namen hatte ich vergessen), kam vom ungarischen Staatstheater, war in

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