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Mondpapier und Silberschwert (Die Sumpfloch-Saga) (German Edition)

Mondpapier und Silberschwert (Die Sumpfloch-Saga) (German Edition)

Titel: Mondpapier und Silberschwert (Die Sumpfloch-Saga) (German Edition)
Autoren: Halo Summer
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„Er arbeitet schon seit über hu-hundert Jahren für Fortinbrack.“
    Lisandra machte ein überraschtes Gesicht und starrte Haul an: sein blasses Gesicht, die Silberaugen, das Raureifhaar und ihr dämmerte Furchtbares.
    „Au weh“, murmelte sie.
    Haul antwortete mit einem gefährlichen Lächeln.
    „Ist er …“, begann Lisandra.
    Haul ließ sie erst gar nicht ausreden.
    „Seit hundertzwölf Jahren tot“, erklärte er. „Also alt genug. Oder was meinst du?“
    Lisandra merkte, wie es ihr den leeren Magen umdrehte. Ein Gespenst! Haul war ein Gespenst! In Amuylett gab es zwar auch Gespenster, aber sie waren nicht solide. Sie spukten in alten Gemäuern herum und flogen durch einen hindurch, wenn man ihnen begegnete. Die wenigsten von ihnen sprachen und wenn, dann hatten sie Hemmungen, einen einfach so anzuquatschen.
    Aber die Gespenster von Fortinbrack, die konnte man anfassen, sie sprachen und dachten wie die Lebenden und sie zogen für Fortinbrack in den Krieg. Es hieß, dass ihnen das Spuken Schmerzen bereitete. Manche von ihnen entwickelten eine verheerende Grausamkeit, was man mit dem Fehlen eines sterblichen Körpers erklärte. Da sie vergessen hatten, wie sich ein lebendiger Leib anfühlte, fiel es ihnen schwer, Mitgefühl aufzubringen. So hatte es Thuna mal beim Mittagessen erzählt. Das fand Lisandra ungeheuer spannend. In der Theorie. Was die Praxis betraf, war Lisandra nun bedient. Mehr als bedient. Sie fand Haul extrem unheimlich.
    „Ni-nimmst du-du meine Einladung an?“, fragte Hanns.
    „Du meinst ein warmes Zimmer, was zu essen und zu trinken und ein bequemes Bett im Golden-Zyklopia?“, fragte Lisandra ungläubig zurück.
    „Na klar! Ode r so-sollen wir deinetwegen in eine billige Absteige ge-gehen?“
    Lisandra schüttelte langsam den Kopf.
    „Nein, das ist … schon in Ordnung. Gehen wir ins … Golden-Zyklopia. Warum auch nicht?“
     
    So kam es, dass Lisandra wenige Minuten später die prunkvolle und überwältigende Eingangshalle des Golden-Zyklopia betrat und der übermenschlich großen Statue gegenüberstand, die dem Gasthof seinen Namen verlieh: ein goldener Zyklop mit einem riesigen, blau leuchtenden Auge aus Lapislazuli. Das Gold und das teure Auge konnten allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Zyklop erschreckend hässlich war.
    „Er ist sehr lebensecht geraten“, sagte Haul. „Normalerweise haben sie keine goldene Haut, aber sonst …“
    „Du hast schon mal einen echten Zyklopen gesehen?“, fragte Lisandra.
    „Viele.“
    Lisandra warf Hanns einen fragenden Blick zu, doch der war damit beschäftigt, einem Angestellten des Hauses seine Wünsche zu diktieren. Der Angestellte notierte alles mit einer magikalischen Feder auf einem schmucken Klemmbrett und erlaubte sich nur einen ganz kurzen kritischen Blick auf Lisandra, als Hanns ein zusätzliches Schlafzimmer bestellte.
    Es war ausgesprochen warm in der Eingangshalle und noch viel wärmer im Fahrstuhl, einem gläsernen Blütenkelch in verschnörkelter gusseiserner Fassung. Lisandra lief der Schweiß über die Stirn, als sie mit einem Pagen und ihren beiden Gastgebern über rot gepolsterte Flure wanderte, die jedes Geräusch verschluckten. Dann schloss der Page die größte Tür auf, die auf dem Stockwerk zu finden war, und schob Lisandra mehr oder weniger elegant durch die Öffnung, denn sie war vor Staunen wie angewurzelt stehen geblieben. Das hier war alles eine Nummer zu groß, zu edel und zu vornehm für sie. Im Moment. Vielleicht könnte sie sich ja eines Tages d a ran gewöhnen, wenn sie mal eine reiche Kriminelle geworden wäre.
    Nachdem sich der Page vergewissert hatte, dass Hanns keinerlei Wünsche mehr hegte, für deren Erfüllung er sich hätte ins Zeug legen können, verabschiedete er sich. Lisandra hatte mittlerweile ihre drei Mäntel von sich geworfen, Mütze, Schal und Fäustlinge ausgezogen und sich die verschwitzten Locken aus dem Gesicht gestrichen.
    „Du bist ja gar kein pummeliger Zwerg!“, stellte Haul fest. „Du hast sogar ein menschliches Gesicht!“
    Im Gegensatz zu dir , wollte Lisandra erwidern, doch als sie den Gespenster-Leibwächter im Licht mehrerer Lampen betrachtete, musste sie zugeben, dass auch er menschlich aussah, von den silbernen Augen mit den schwarzen Flammen-Pupillen mal abgesehen. Was im Dunkeln wie Raureif auf seinen Haaren ausgesehen hatte, waren weiße Haare, die sein sonst eher dunkles Haar durchzogen.
    „Was macht ihr hier?“, frage Lisandra. „Warum seid ihr

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