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Mitten in der Nacht

Mitten in der Nacht

Titel: Mitten in der Nacht
Autoren: Nora Roberts
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Prolog
    Im Delta herrschte der Tod in all seiner grausamen Schönheit. Tief gruben sich die dunklen Schatten ein. In deren Schutz bedeutete jedes Flüstern im Sumpfgras oder Schilf, im Gewirr der Schlingpflanzenfalle die Geburt neuen Lebens oder plötzlichen Tod. Sein grüner Atem war schlecht und seine Augen glühten gelb im Dunkeln.
    Lautlos wie eine Schlange wand sich sein Fluss – schwarzes Wasser, aus dessen Oberfläche unter einem prallen weißen Mond die Luftwurzeln der Zypressen wie bleiche Knochen brachen.
    Fast ohne es zu kräuseln, zog der lange, knorrige Leib eines Alligators seine Bahn durch das dunkle, vom Mond gesprenkelte Wasser. Verschwiegen wie ein Geheimnis war auch die Bedrohung, die von ihm ausging. Doch wenn er zuschlug, seine tödlichen Kiefer sich in der unbesonnenen Bisamratte festbissen und sein Schwanz mit einem triumphierenden Peitschenhieb das Wasser teilte – dann hallte der Bayou wider von einem einzigen kurzen Schrei.
    Und das Kroko sank mit seiner Beute tief hinunter auf den schlammigen Boden.
    Auch andere hatten die grausamen, stillen Tiefen dieses Flusses kennen gelernt. Und wussten, dass er selbst in dieser brutalen Sommerhitze kalt war, sehr kalt.
    Der Bayou mit seinen unermesslichen Geheimnissen war nie ganz still. Nachts unter dem hoch stehenden Vollmond betrieb der Tod emsig sein Geschäft. In einer Jubelwolke der Gier sirrten die Moskitos, die gefräßigen Vampire der Sümpfe. Als Musikanten der Sumpfmusik stimmten sie ein in das Summen und Brummen und Tröpfeln, das nur von den Schreckensschreien der Gejagten übertönt wurde.
    In den hohen Ästen einer Eiche, im Schatten von Moos und Blättern, schrie eine Eule ihre beiden Klagelaute. Aufgeschreckt rannte ein Sumpfkaninchen um sein Leben.
    Eine Brise sorgte für Aufruhr in der Luft, dann war sie verschwunden wie der einsame Seufzer eines Geistes.
    Die Eule stürzte sich mit rasch ausgebreiteten Flügeln von ihrem Ast.
    Während die Eule hinabstieß und das Kaninchen starb, schlief nahe des Flusses ein altes graues Haus mit schwankendem Pier im Dunkeln. Dahinter reckte sich über aufgeschossenem Gras ein großes weißes Herrenhaus und wachte im Mondlicht.
    Zwischen beiden verlief das gewundene Band des Bayou – strotzend vor Leben und voll des Todes.
     

1
Manet Hall, Louisiana
30. Dezember 1899
    Das Baby weinte. Abigail hörte es in ihren Träumen, vernahm das zarte unsichere Wimmern, das Rascheln der sich unter weichen Decken regenden winzigen Glieder. Sie verspürte ein Hungergefühl, ein Verlangen in ihrem Leib, fast als wäre das Kind noch in ihr. Noch ehe sie ganz wach war, quoll die Milch heraus.
    Rasch stand sie auf. Es war das reinste Vergnügen – diese Überfülle in ihren Brüsten, ihre Empfindsamkeit. Ihre Zweckmäßigkeit. Ihr Baby brauchte sie und sie würde es versorgen.
    Sie trat an die Récamier und nahm den weißen Morgenrock, der über der Lehne hing. Sie sog den Duft der Treibhauslilien ein – ihre Lieblingsblumen –, die wie Speere in einer Kristallvase steckten, einem Hochzeitsgeschenk.
    Vor Lucian war sie auch mit Wildblumen in einfachen Flaschen zufrieden gewesen.
    Wäre Lucian zu Hause gewesen, wäre er ebenfalls wach geworden. Und obwohl sie ihn angelächelt, ihm zärtlich das seidige blonde Haar gestreichelt und ihm gesagt hätte, er solle liegen bleiben, hätte er sich doch auf den Weg zum Kinderzimmer gemacht, ehe sie mit dem mitternächtlichen Stillen von Marie Rose fertig gewesen wäre.
    Sie vermisste ihn – wieder spürte sie einen Stich im Leib. Aber als sie in ihren Morgenmantel schlüpfte, erinnerte sie sich daran, dass er am nächsten Tag zurückkam. Vom frühen Morgen an würde sie nach ihm Ausschau halten und warten, bis sie ihn die Eichenallee entlanggaloppieren sah.
    Egal, was die anderen denken oder reden mochten, sie würde hinauslaufen, um ihn zu begrüßen. Und wenn er dann von seinem Pferd sprang und sie mit seinen Armen hochhob, würde ihr Herz vor Freude hüpfen, wie es immer hüpfte, wenn sie ihn nur ansah.
    Und auf dem Neujahrsball würden sie tanzen.
    Summend zündete sie eine Kerze an und schützte diese mit ihrer Hand, als sie auf die Schlafzimmertür zuging und auf den Korridor des großen Hauses hinaustrat, in dem sie einst Dienerin gewesen war, jetzt aber, nun ja, wenn auch nicht Tochter des Hauses, so doch wenigstens die Ehefrau des Sohnes.
    Das Kinderzimmer lag im zweiten Stock des Familienflügels. Den Kampf, den sie deswegen mit Lucians Mutter ausgetragen

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